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Madrid 2.0

In Neuigkeiten on 14. April 2009 at 10:04 pm

Warten auf den Bus, der nicht kommt

In Die Kolumne on 15. September 2006 at 1:52 pm

[Erlebnisse von der Adriaküste.]

Stundenlang in der brennenden Sonnenhitze an einem Badestrand zu sitzen und nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun, ist für mich immer ein wenig so, als würde ich auf einen Bus warten, der nicht kommt. Anders ergeht es mir auch nicht in einem kleinen Badeort an der Adriaküste in Montenegro.

Dazu sollte man zuerst etwas zur Adriaküste im Allgemeinen erklären: wunderschön anzusehen, aber überall nur Felsen, Felsen und noch mehr Felsen.
Um diesem Umstand zu begegnen, hat man vielerorts einfach die steinigen Strände betoniert, um den Touristen ihr Badevergnügen zu ermöglichen. Da wir es aber nicht sonderlich erstrebenswert finden, auf einem Betonblock zu liegen, während uns der Duft des echten, weiten Meeres in die Nase steigt, suchen wir nach dem letzten unberührten Stück Strand. Fündig werden wir nach einem langen Fußmarsch in der hintersten Ecke der Bucht, sogar noch hinter dem FKK-Strand.

Auf den ersten Blick sind die Steine hier tatsächlich ziemlich klein – eigentlich gar keine richtigen Felsen. Wir mieten uns für je einen Euro Sonnenschirm und Liegestuhl, positionieren uns so, dass wir die nackten Rentner nicht die ganze Zeit sehen müssen, und legen uns hin. Und dann… Warten. Zum Glück ist es trotz den 31 Grad Celsius extrem windig, so beschert mir das gelegentliche Hinter-dem-Sonnenschirm-her-rennen ein wenig Abwechslung.

Irgendwann wird es mir dann langweilig genug, so dass ich beschließe, mich ins Wasser zu wagen. Leider habe ich keine Badeschlappen und erst Recht keine von diesen neuen Badeschuhen dabei, deshalb werden nicht nur die fünf Meter vom Liegestuhl zum Wasserrand über die vielen kleinen Steinchen zum Hindernislauf. Richtig problematisch wird es erst im Wasser, die zwanzig bis dreißig Meter zu überwinden bis es tief genug ist zum schwimmen. Bis ich es dorthin schaffe, stoße ich mir mehrmals das Schienbein an oder rutsche auf den Felsbrocken aus. Überhaupt liefere ich beim Inswasserlaufen eine ziemlich alberne Vorführung – weshalb ich jetzt nicht weiter ins Detail gehen möchte (die meisten anderen Badegäste sind aber auch ab und zu ausgerutscht – ehrlich!).

Ein paar Tage später, zurück in unserer Basisstation in Teslic, erzählt mein Schwager, wie es ihm erging, als er das erste Mal an besagtem Strand im Urlaub war:
Bereits früh am ersten Morgen musste er viel zu viele Taschen unter viel zu wenig Arme klemmen, nicht zu vergessen den Nachwuchs einsammeln. Dann zwei Kilometer zum Strand trotteln, alles auspacken, Kind versorgen, hinlegen. Gerade als er anfängt, sich einigermaßen zu langweilen, muss alles wieder eingepackt werden – schließlich gibt es Mittagessen im Hotel. Also den ganzen Weg wieder mit den ganzen Taschen zurück laufen, essen, Taschen wieder einsammeln, Nachwuchs mitnehmen und zwei Kilometer zurück zum Strand, alles auspacken, Kind versorgen, hinlegen, langweilen. Abends erschöpft ins Hotelbett fallen, nur um zu erfahren, dass man noch einen Abendspaziergang unternehmen müsste.

Drei Tage hielt er durch, als er eines schönen Morgens plötzlich einen wunderschönen Bus an der Haltestelle in Igalo sah. Es war der wunderschönste und bezaubernste Bus, den er jemals gesehen hatte. Und dabei war es eigentlich nur die Aufschrift, die ihn so sehr faszinierte: TESLIC. Er rannte ins Hotel, sagte der Frau und der Schwiegermutter Bescheid, dass er schon mal mit dem Bus vorfährt und küsste die Erde seiner Heimatstadt, als er wieder zu Hause ankam.

Für ihn ist der Bus also doch noch angekommen.

Küstendorf

In Die Kolumne on 11. September 2006 at 1:33 pm

[Zwischen Ethno-Kunst und Alpen-Punk – das persönliche Dorf von Filmregisseur Emir Kusturica.]


Vor ein paar Jahren hat Kultregisseur Emir Kusturica einen Film mit dem Titel „Das Leben ist ein Wunder“ gedreht. In dem Film versucht ein ebenso gutmütiger wie gutgläubiger Hauptcharakter, eine Eisenbahnstrecke samt Eisenbahn in den bosnischen Bergen, direkt an der serbischen Grenze zu renovieren, um eine Touristenattraktion zu schaffen. Leider hat er seine Rechnung ohne den ausbrechenden Bosnienkrieg gemacht, der wenig später ausbrach – statt Touristen wurden schließlich Kanonen auf den Schienen befördert.
Für die Dreharbeiten fand man ein idyllisches Örtchen in Serbien, tatsächlich direkt an der bosnischen Grenze gelegen, in dem es eine alte stillgelegte Eisenbahnstrecke direkt durch die Berge gab. Man schaffte eine alte Lok inklusive passender Waggons an, renovierte und baute einige Häuser für den Film und begann zu drehen.

Doch damit nicht genug. Nachdem sein eigenes Heimatdorf im Krieg zerstört wurde, und von der Vision getrieben, tatsächlich zu beweisen, dass Tourismus auch in Serbien/Bosnien möglich ist, ließ Kusturica in der Nähe der Bahnstrecke ein Museumsdorf erbauen, indem man bewundern kann, wie die Menschen auf dem Balkan vor 200 Jahren gelebt haben. Die Idee, Museumsdörfer zu bauen, ist an sich nicht neu (lediglich in Serbien und Bosnien). Aber dann gibt es da ja auch noch die Eisenbahn, die mittlerweile in der Tat als Touristenmagnet täglich mehrmals fährt – vorbei an den Schauplätzen des Films.

Emir, der Mann, der in Serbien so bekannt ist wie der Präsident (und wahrscheinlich sogar mehr Anhänger hat), hat es also geschafft. Nicht nur, dass er Filme dreht, die ganze Nationen zu begeistern vermögen – er hat auch die erste Touristenattraktion nach Kriegsende geschaffen. Dabei fragen sich viele Landsleute, wie er das denn nun gemacht hat – normalerweise verhindert nämlich die Korruption jegliche Investitionsversuche. Will zum Beispiel jemand ein neues Einkaufszentrum in Bosnien bauen, so wird in aller Regel die Lokalpolitik die nötigen Bestechungsgelder einfordern. Investoren aus dem Ausland werden davon natürlich in aller Regel abgeschreckt. Manchmal entsteht das Einkaufszentrum dann aber einfach ein paar Ortschaften weiter – dort wo weniger Schmiergeld verlangt wurde. Obwohl es keinen Grund zur Annahme gibt, dass solche Geschäfte in Serbien anders laufen als in Bosnien, hat Kusturica sein Projekt durchgebracht.

An einem etwas verregneten Tag inspizieren wir das Dorf, das offiziell Küstendorf heißt (ja, auf Deutsch), was im ersten Moment als ein etwas absurder Name für einen Ort mitten in den Bergen erscheint, in Wirklichkeit aber nur „Kusturicas Dorf“ bedeuten soll. Wir fahren zwei Stunden mit der Eisenbahn, die sogar mit einem alten Ofen geheizt wird. Leider verstehen wir von der Bandansage, die durch die (modernen) Lautsprecher eingespielt wird, nicht sonderlich viel, da sie von dem Lärm der Lok übertönt wird. Eine kleine Geschichte will mein Schwager aber trotzdem ungefähr aufgeschnappt haben: Als die Bahnstrecke gebaut wurde, zahlte der Herrscher die Arbeiter an jedem Wochenende aus. Dann bestellte er eine Bauchtänzerin, die den Streckenarbeitern den Lohn wieder abluchste. In der nächsten Woche bezahlte der Fürst wieder mit demselben Geld. Eine frühe Form staatlich geförderter Prostitution.

Im Dorf selbst sehen wir uns einen Kurzfilm im Kino an, spenden ein paar Cent in der kleinen Kirche, trinken einen Tee und werden von einer jungen Katze regelrecht verfolgt. Selbst eine kleine Galerie gibt es, bewacht von der Skulptur eines in der Nase bohrenden Soldaten mit verrostetem Helm.

Zu guter Letzt dann tatsächlich der große Meister und alte Punker, der mit seinem VW-Caravan mit französischem Nummernschild angefahren kommt, als wir gerade zurück zum Parkplatz gehen. Unrasiert und ungekämmt setzt er seine Füße (die nur von Biolatschen bekleidet werden) auf den matschigen Boden seines Dorfes. Mein Schwager wird später auf der Rückfahrt über diesen Anblick sagen „Kusturica sieht aus wie ich beim Holzhacken“ – dennoch, er wird von einer Aura umstrahlt, der man sich nur schwer entziehen kann. Mit zitternden Knien, ins Teenager-Alter zurückversetzt, stehen wir an unserem Auto und träumen von einer Zeit, in der wir auch einmal bekannte Künstler werden, die das bodenständige Holzfäller-Flair nicht verloren haben…

Verloren im Tal der Pyramiden

In Die Kolumne on 2. September 2006 at 12:36 pm

Auch in Europa gibt es Pyramiden. Das behauptete zumindest der bosnische Hobby-Archäologe Semir Osmanagić im Frühjahr 2006. Seither gräbt er sich, von der Fachwelt weitgehend unbeachtet, durch zwei Berge in Mittelbosnien. Ein Besuch an der Ausgrabungsstätte in der Kleinstadt Visoko.

Wer von Sarajevo aus in das 30 Kilometer entfernte Visoko reist, um nach Pyramiden zu suchen, wird sehr bald fündig werden. „Da ist ja eine!“, wird man rufen, dann „dort noch eine!“ und schließlich „wieder eine!“ Mit etwas Fantasie kann man ein gutes Dutzend pyramidenförmige Berge entdecken, noch bevor man am eigentlichen Ziel angekommen ist. Das liegt nicht nur daran, dass die Pyramidensuche schnell beim geneigten Hobby-Forscher die selbe mythische Sogwirkung entfaltet wie eine gut durchdachte Verschwörungstheorie. Tatsächlich ist die Pyramidenform typisch für die Gipfel in diesem Teil Bosniens. Semir Osmanagic, der Ausgrabungsleiter, wuchs in dieser Gegend auf, ging zum Arbeiten in die Vereinigten Staaten und untersuchte später Pyramiden in Lateinamerika. Wahrscheinlich waren es eben die Gesteinsformationen um Visoko, die ihn in seiner Kindheit faszinierten und prägten und zu dem machten, was er ist – ein getriebener Pyramidenforscher mit Tropenhut, für den Indiana Jones mehr ist als eine Filmfigur.

T-Shirts und Publikationen zeigen den bosnischen Indiana Jones – auch Sheriff genannt.

Unsere Expedition führt uns von der Adriaküste, an Sarajevo vorbei direkt ins „Tal der Pyramiden“. Nachdem wir auf der Anfahrt bereits so viele Pyramiden gesehen haben, sehen wir beim Einfahren in den Ortskern erst einmal nichts. Vor allem kein Hinweisschild. Aus Unwissenheit folgen wir dem Schild in Richtung Stadtzentrum, was sich allerdings als großer Fehler erweist. Es mag sein, dass Visoko im Mittelalter die Hauptstadt von Bosnien war, vom kapitalen Flair ist leider nicht viel übrig geblieben. Auch vom versprochenen Pyramidentourismus ist nichts zu spüren. Nachdem wir uns mit dem Wagen durch die enge und belebte Hauptstraße getastet haben, halten wir an einer Tankstelle an und fragen. Der Tankwart erklärt, dass wir auf der anderen Seite aus dem Ort rausfahren müssen, dann würden wir schon fündig werden. Am Ortsausgang sehen wir tatsächlich den ersten Souvenir-Stand und die dazugehörige Busladung voll Touristen und Feierabend-Archäologen. Dann ein Parkplatz, der zum „Restaurant Mondpyramide“ gehört. Wir halten freudig inne und dann an – um einen Kaffee zu trinken.

In dem frisch renovierten Etablissement, in dem selbst der Klospiegel in Pyramidenform gestaltet ist, strahlt uns ein Kellner mit schlecht erhaltenen Zähnen an. In Gedanken wünschen wir ihm, dass er viel Geld an den Touristen verdient – damit er sich sein Gebiss erneuern lassen kann. Ein wenig gelangweilt erklärt er uns, dass wir auf den Hügel gegenüber fahren sollten, „da laufen den ganzen Tag irgendwelche Bekloppten rum und schießen Fotos.“ Noch bevor wir weitere Fragen stellen können, ist er mit der Bestellung verschwunden. Als er mit den Getränken zurückkommt, wagen wir es noch einmal, ihn anzusprechen. Ob es dort auch Ausgrabungen zu sehen gibt und ob man, wenn das dort drüben die Mondpyramide sei, auf der Sonnenpyramide auch etwas besichtigen könnte. Ausgrabungen gibt es, sagt er, aber sonst weiß er von nichts. Auf der Straße taucht eine Pferdekutsche auf, die in die Richtung der vermeintlichen Mondpyramide einbiegt. Hinten sitzen zwei Touristen und vorne der Kutscher mit Sombrero. Anscheinend möchte man sich an südamerikanischen Vorbildern orientieren.

Wir zahlen und brechen auf. Unser Weg führt uns vorbei an den obligatorischen Müllhaufen am Wegesrand, über eine schmale Betonbrücke, vorbei an ein paar Häusern zu einem Tante-Emma-Laden, an dem wir scharf links in eine Gasse einbiegen müssen. Für einen kurzen Moment muss ich überlegen, ob unser Auto überhaupt schmal genug für dieses Manöver ist. Es passt. Danach sehen wir nur noch vereinzelt Bauernhöfe, Parkplatzschilder und jede Menge Heu. Wir parken auf einem der ausgezeichneten Plätze, entdecken aber niemand, den wir um Auskunft bitten könnten, ob das so richtig wäre mit dem Parken und wo es denn nun endlich was zu sehen gäbe. Also laufen wir auf gut Glück den Trampelpfad nach links den Berg hoch und entdecken wenig später tatsächlich eine Ansammlung von mindestens vier Souvenir-Ständen, einer Imbissbude und weiteren Parkplätzen, auf denen das Parken eine bosnische Mark kostet. Wir freuen uns, weil wir meinen, kostenlos geparkt zu haben.

Das Pyramidenmotiv zieht sich auch durch die anliegende Landwirtschaft.

Außerdem haben wir einige Meter oberhalb ein gelbes Absperrband erspäht, mit dem irgendetwas eingezäunt ist, was von unserer Position wie ein Loch im Berg aussieht. Und damit nicht genug – es ist mittlerweile 17 Uhr und über dem Hügel der vermeintlichen Mondpyramide erscheint der Mond, während auf über der gegenüberliegenden Sonnenpyramide die Sonne noch zu sehen ist. Ein ausgesprochen mystischer Anblick. Wir laufen weiter. Vorbei an T-Shirts, Kupferschalen und Miniatur-Holzpyramiden erreichen wir ihn dann zu guter Letzt – den Ort der Ausgrabungen.

Im Klartext gesprochen also eine gut zehn Meter lange Strecke, auf der Erde vom Berg abgetragen wurde. Alles was wir darunter sehen können wirkt auf uns wie ein mit Sandsteinen angelegter Trampelpfad. Ein junger Mann, der anscheinend für die Überwachung der Ausgrabungsstätte zuständig ist, erklärt uns, dass er uns auch nichts erklären kann. Bevor er uns etwas erläutern würde, könnten wir es uns auch selbst erläutern, da wir angeblich genau so viel wissen würden wie er.

Trotzdem lassen wir nicht locker, und er zeigt und erzählt schließlich von irgendeiner Symmetrie, die man in den Steinen erkennen könnte. Wenn wir mehr wissen wollen, sollten wir uns die Internet-Seite ansehen oder morgen noch mal wieder kommen, da käme der bosnische Indiana Jones persönlich und würde einen Vortrag halten. Allerdings nennt er Osmanagic nicht Indy, sondern liebevoll den „Sheriff“.

Vom Besuch der Sonnenpyramide rät er uns ab, „da gibt es nichts zu sehen.“ Also steigen wir weiter den Hügel der Mondpyramide hinauf, entdecken noch mehrere kleine Gruben und – selbstverständlich – einen weiteren Souvenir-Stand. Da in den Gruben nicht viel mehr zu sehen ist als ein bisschen Schlamm, und da unser Bedarf an Keramikpyramiden gedeckt ist, machen wir uns wieder an den Abstieg.

Ich beim Bezwingen der vermeintlichen Pyramide.


Am Parkplatz angekommen verlangt ein Bauer im Jogginganzug von uns zwei bosnische Mark Parkgebühr und verwickelt uns in ein Gespräch. Wir erzählen, dass wir zuerst gar nicht wussten, in welche Richtung wir laufen mussten. „Was?“, entgegnet er wild gestikulierend. „Aber ich hätte euch doch helfen können, wenn ich euch nur gesehen hätte, wo wart ihr denn, hattet ihr euch versteckt? Ich war doch nur kurz bei den Apfelbäumen…“ Wir überreichen das Geld mit dem guten Gewissen, den improvisierten Tourismus gefördert zu haben, steigen ins Auto und fahren beruhigt nach Hause – mit der Erkenntnis, dass das Einzige, von dem man auf dieser Pyramide mit Sicherheit sagen kann, dass es echt ist, die Touristen sind, und dass Parken immer dort am teuersten ist wo kein Preis angeschrieben ist.

Mein erster Tag in Belgrad

In Die Kolumne on 27. August 2006 at 1:28 pm

[Wo fallen Eiswürfel vom Himmel wenn die NATO bombadiert und wo wird »Sex and the city« am städtischen Sandstrand zelebriert? In der weißen Stadt – Belgrad.]

Mein erster Aufenthalt in der serbischen Hauptstadt währt erst einmal nur kurz. Vorbei an einem Zwillingsturm-Hochhaus, das aufgrund seiner Architektur die „Tür nach Belgrad“ genannt wird, und dass spätestens seit dem Fall des Sozialismus nicht mehr renoviert wurde (wahrscheinlich aber noch länger), tauchen wir in den metropolen Berufsverkehr ein. Unglücklicherweise führt eine Bundesstraße direkt durch die Stadt hindurch, und deshalb müssen auch wir uns hier durchquälen, obwohl wir gar nicht als erstes in die Stadt wollen, sondern vorher noch einen Onkel mitsamt der dazugehörigen Tante und deren Tochter Olja und ihren Mann Ivan in einem kleinen Vorort am Rande des Molochs besuchen wollen.

Nach etwas Suchen finden wir tatsächlich zu dem Haus des Onkels und werden stürmisch begrüßt – auch wenn ich bereits nach dem ersten Glas Whiskey kapituliere. Nach ein, zwei oder auch drei Stunden Konverstation serviert uns die Tante ein Mittagessen, das mehr als reichlich ist, allerdings ohne Fett gebraten wurde, da gerade Fastenzeit ist in der keine tierischen Stoffe gegessen werden. Das Fehlen des Fettes stört zwar eigentlich niemanden, der Tante ist es aber doch so unangenehm, dass sie, als wir das Essen loben, erklärt, dass wenn das ein lobenswertes Essen gewesen sei, sie dann Elizabeth Taylor wäre.

Es folgen noch einmal ein oder zwei Stunden Konversation und ich habe immer noch nichts von Belgrad gesehen außer ein paar Asphaltschluchten im Morgengrauen. Endlich zeigen uns Ivan und Olja, die beide Künstler sind, ihr Atelier im Dachgeschoss des Hauses. Durch das große Fenster sieht man ganz links die ersten Ausläufer der Stadt und wenn man geradeaus sieht eine bezaubernde Hügellandschaft. Ivan weißt uns auf einen weißen Gebäudekomplex hin, der auf einem der Hügel ganz in der Nähe zu sehen ist. Bis zur Nato-Bombardierung 1999 wusste niemand der Anwohner, dass es sich um einen Armeestützpunkt handelt. Als dann die Bomben fielen war es leider nicht mehr zu übersehen. Die Landschaft die man durch das Fenster sieht, ist übrigens auch die selbe Landschaft, die Ivan einst porträtierte und danach Tee über das Gemälde schüttete. Das inspiriete seinen Vater, Milorad Pavic, dazu den Roman an dem er damals gerade arbeitete „Landschaft in Tee gemalt“ zu betiteln. Das besudelte Gemälde ziert nun auch das Titelbild des Buches (Milorad Pavic ist übrigens der bekannteste lebende serbische Schriftsteller, bereits einmal für den Nobelpreis nominiert und in etliche Sprachen, natürlich auch Deutsch, übersetzt).

Auch das Haus des Onkels hat einen Schaden bei den Bombardements abbekommen – durch einen herunterfallenden Eisblock. Ganz genau verstanden habe ich allerdings nicht warum die Nato mit Eisblöcken schmeißt. Um kleinere Schäden an zivilen Einrichtungen zu verursachen und dadurch die Moral der Bevölkerung zu untergraben?

Am fortgeschrittenen Nachmittag fahren wir dann doch noch in die Stadt, zusammen mit dem gesamten Familien-Clan. Leider kann die Tante aufgrund ihrer dreiundsiebzig Jahre nicht mehr allzu viel laufen, deshalb fahren wir an den Stadtstrand um diesen mit einem Touristenzug zu umrunden. Der Stadtstrand in Belgrad ist ein großer See, der aber kein stehendes Gewässer ist, sondern vielmehr durch den Fluss „Save“ (die ja in Belgrad in die Donau fließt) entsteht. Wie genau das vor sich geht habe ich leider auch nicht verstanden.
So steigen wir in den Zug ein (dessen Lokomotive eigentlich einmal ein Traktor war) und beginnen die Runde um den See. Der Lokführer/Traktorfahrer ist ein sympathischer Biertrinker im Rentenalter. Die Fahrt führt zuerst vorbei an Tennisplätzen und Basketballplätzen die Jedermann kostenlos nutzen kann. Dass sei das „große serbische Herz“ wie man uns versichert. Danach geht es vorbei an mehreren Dutzend Strandcafes, und erst jetzt wird uns klar, dass es hier tatsächlich mehrere Kilometer Sandstrand zur freien Verfügung gibt. Auf die etlichen Cafes und Bars werde ich nicht im Detail eingehen, nur zwei möchte ich aus der großen Auswahl hervorheben: eine McDonalds-Filiale in einer kleinen Waldhütte, die so auch im Yellowstone Nationalpark stehen könnte und eine Bar mit dem Namen „Sex i Grad“ in deren Mitte zwei Himmelbetten stehen, umringt von den normalen Stühlen. „Sex i Grad“ heißt übrigens „Sex und Stadt“ oder auch „Sex and the city“.
Die Sonne neigt sich langsam und färbt die Menschen und die Stadt in ein goldgelbes Licht, während wir unsere Traktorrunde vollenden, aussteigen und zurück zum Parkplatz laufen, auf dem das Parken auf unbegrenzte Zeit 60 Dinare (75 Cent) kostet. Später am Abend werden wir noch eine Runde durch die Innenstadt laufen (ohne die Familie) und uns wundern, dass in Belgrad rund um die Uhr wahre Menschenmassen unterwegs sind (mit Sicherheit mehr als in deutschen Großstädten) – aber dass ist eben einfach so.