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Leitfaden zur sakralen Bedrängnisgymnastik

In Die Kolumne on 13. April 2007 at 7:40 am

[In der Reihe »Der kleine Kirchenkatechismus – oder wie finde ich die perfekte Gemeinde« präsentieren wir Ihnen diese Woche: Die orthodoxe Kirche]

Die Lithurgie in einem orthodoxen Gottesdienst ist für einen Anfänger nicht leicht zu verstehen – am besten Sie versuchen es gar nicht. Ehrlich. Natürlich könnte man den Aufbau ohne Probleme im Internet nachlesen und dabei erfahren, dass der Gottesdienst aus drei Hauptteilen besteht, die wiederum in jeweils drei bzw. vier Teile untergliedert sind, die nochmals aus bis zu neun einzelnen Handlungsabläufen bestehen. Wussten Sie zum Beispiel, dass nach dem „Vater Unser“ noch das „Hauptneigungsgebet“ gesprochen wird, noch vor der Kommunion der Zelebranten und dem Antidoron? Nein wirklich, vergessen Sie es.

Sehen Sie den Gottesdienst lieber als sportliche Disziplin. Dann tun Sie wenigstens etwas für Ihre körperliche Gesundheit. Ich nenne es liebevoll „die sakrale Bedrängnisgymnastik“. Lassen Sie mich Ihnen kurz die Regeln erklären:

1.) Jeder Teilnehmer hat zu Beginn des Wettbewerbs ein 1/4 Quadratmeter großes Stück Bodenfläche als Standort zu wählen. Diese Position darf während des gesamten Wettkampfes nicht verlassen werden. Sitzgelegenheiten sind nicht zulässig.

2.) Der Wettkampf dauert 90 Minuten. Wer sich als erster hinsetzt oder das Gebäude verlässt, hat verloren.

Hört sich gar nicht so kompliziert an, sagen Sie? Ist es eigentlich auch nicht. Ich habe ein paar einfache Tipps für Sie zusammengestellt, mit denen der Sieg sicher ist:

a.) Achtung! Gefahr! Der Einsatz von Weihrauch fällt nicht unter das Dopingverbot. Vielmehr ist es so, dass der Schiedsrichter die entstehenden Dämpfe gezielt einsetzt, um Ihre Standfestigkeit zu prüfen. Wird Ihnen schwarz vor Augen, reißen Sie sich zusammen. Fallen Sie nicht in Ohnmacht, so haben Sie schon so gut wie gewonnen.

b.) Darüber hinaus ist es möglich, dass der Schiedsrichter versucht, Sie in eine verbale Hinterlist zu locken. Fallen Sie nicht auf Aussagen wie „Sie können sich nun hinsetzen“ herein. Abgesehen davon – es gibt sowieso keine Stühle (siehe Regel 1).

c.) In der Halbzeit wird ein Chor auftreten, um Ihre Moral zu zerstören. Der fiese Trick dahinter ist, dass die einzelnen Sänger zwar gar nicht so schlecht singen, allerdings intoniert jeder von ihnen ein anderes Lied – und das zur selben Zeit. Das Ergebnis hört sich an wie ein Rudel betrunkener Katzen im Schleudergang. Doch ein Profi wie Sie wird sich davon nicht in die Knie zwingen lassen. Denken Sie immer daran – das ist Ihre Gelegenheit zu zeigen, dass Sie aus hartem Holz geschnitzt sind. Konzentrieren Sie sich auf die Schuhabsätze Ihres Vordermanns und denken Sie an etwas Schönes – dann haben Sie es bald überstanden.

d.) Atmen Sie vor dem Wettkampf auf Reserve. Sobald sich das Spielfeld erst einmal mit Menschen gefüllt hat, werden Sie dafür dankbar sein. Bedenken Sie, wie wenig Platz Ihnen zwischen 200 Personen auf 50 Quadratmetern bleibt.

e.) Das Wichtigste, um das Match erfolgreich zu überstehen, ist allerdings die Beinarbeit. Eine typische Verschleißerscheinung ist das Schmerzen einer Schulter, nachdem man 30 Minuten regungslos dasteht. Bleiben Sie daher immer in Bewegung. Stellen Sie sich auch mal nur auf ein Bein, wippen Sie auf den Zehenspitzen vor und zurück, legen Sie die linke Hand auf die rechte Schulter und drehen sich dabei im Kreis – Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Am besten trainieren Sie Ihre Wadenmuskulatur bereits vor dem Wettkampf, fahren Sie täglich 50 Kilometer mit dem Fahrrad und spurten Sie am Morgen vor dem Match das Treppenhaus eine Stunde auf und ab. Vergessen Sie nicht Ihren neuen Wahlspruch – ein starkes Bein und der Sieg ist mein!

Haben Sie die 90 Minuten überstanden, winkt Ihnen die Medaille in Form des Schlusssegens aus dem Munde des Schiedsrichters. Wundern Sie sich bitte nicht, dass das alles ist, was Sie als Anerkennung für Ihre Mühe bekommen. Die Anstrengungen, die der Schiedsrichter unternimmt, um Ihnen jegliche Eigenverantwortung im Glauben aus der Hand zu nehmen und Sie von jeglichen spirituellen Zwängen entlastet, sind schließlich auch nicht zu unterschätzen.

Denn merken Sie sich eines – selber beten ist unsportlich und nicht im Sinne des Wettkampfes!

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