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Die Karl-May-Verschwörung

In Die Kolumne on 20. Oktober 2006 at 8:21 am

Ich mag Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien decken auf, was die Menschen wirklich glauben, ihre lustigsten Fantasien und natürlich vereinfachen sie komplizierte Sachverhalte auf eine simple Theorie, die jeder verstehen kann.

Der Drang der Menschen nach einer Einteilung der Welt in »schwarz und weiß«, in »gut und böse« wird dabei sichtbar; denn entweder wird bei einer Verschwörungstheorie eine Person oder eine Personengruppe als »ultimativ böse« oder aber eine Person als »unsterblicher Held« ikonisiert. Letzteres geschieht zum Beispiel bei der »Karl-May-Verschwörung«, die mir gestern als Nebenprodukt in einem Recherchegespräch für meinen nächsten Tatsachenroman präsentiert wurde.

Das Grundmotiv der Theorie geht davon aus, dass Karl May von seinem 4-jährigen Gefängnisaufenthalt in Wirklichkeit nur wenige Wochen abgesessen hat. Nach Aussage des Verschwörungstheoretikers wäre Karl May ja schließlich nur wegen Diebstahls von zwei Kerzenstummeln verurteilt worden. In den fehlenden dreieinhalb Jahren seines Lebenslaufes wäre May nach Amerika gereist, was den Detailreichtum seiner Werke erkläre. Das Wissen um diese Reise würde »man« angeblich kategorisch vertuschen und May stattdessen Schizophrenie als Quelle seiner Inspirationen vorwerfen …

Darüber hinaus seien die Werke von May in Deutschland alle gefälscht, nur in der Schweiz gebe es Originale. Das liege daran, dass der Karl-May-Verlag in Deutschland alle, die dagegen vorgehen wollen, mit Prozessen zum Schweigen bringen würde. Der Menschenfreund May hätte so indianerfreundlich geschrieben, dass die Texte im 19. Jahrhundert alle grundlegend zensiert werden mussten, um die Indianertötungsmoral deutscher Amerikaauswanderer nicht zu gefährden. Der Verlag hätte also größtes Interesse daran, die Fälschungen weiterhin zu vertuschen, um die Glaubwürdigkeit ihres Verlagsprogramms nicht zu gefährden.

Selbstverständlich ist es überflüssig zu erwähnen, dass mein Gesprächspartner bereits in allen Archiven gewühlt hatte und alle Schauplätze in den USA bereist hatte, um seine Theorien zu erforschen …

Und niemand sieht den wahren Helden Karl May – außer natürlich ein paar auserwählten Verschwörungstheoretikern. Niedlich.

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