Autor & Filmemacher

Guter Film, schlechter Film?

In Die Kolumne on 13. September 2006 at 12:53 pm

[Was ist eigentlich eine gute Filmkritik? »Das Parfum« schenkt Durchblick.]


Das hat man doch alles schon einmal erlebt: da nähert sich die Veröffentlichung eines Films, für den man sich schon länger interessiert, bekommt die erste Rezension in die Hand und liest begeistert, dass der Film das größte Meisterwerk seit Metropolis sei, ja sogar seit der Erfindung des Films überhaupt. Ein paar Tage später schlägt man freudig die Tageszeitung des Vertrauens auf und liest plötzlich, „Katastrophe“ oder auch nur „der langweiligste Film seit Sakrileg“. Aber was bringt es uns armen Film-Endverbrauchern (die doch nicht mehr verlangen als im Vorfeld zu erfahren, ob sich die Investition in die Kinokarte im Nachhinein lohnen wird) denn überhaupt, die Filmkritiken zu lesen, wenn im Endeffekt doch jeder Autor schreibt, was er will?

Sehen wir uns nur einmal die Rezensionen zum aktuellen Event-Film »Das Parfum« an. In der Zeitschrift »cinema« heißt es zum Beispiel: „Der Film wäre unvorstellbar ohne die exzellente Leistung des britischen Hauptdarstellers Ben Whishaw…“. Die Kollegin von »filmszene.de« hingegen schreibt: „Einzig und allein der Hauptdarsteller Ben Whishaw bleibt ein Fragezeichen.“

»neon« nennt den größten Wermutstropfen des Films die „schwülstige Filmmusik“.
Bei »Filmszene.de« schreibt man: „Bravourös ist auch die dezente und nie aufdringliche Hintergrundmusik“.

»cinema« spricht von „Bilder[n] wie Gemälde“, der Rezensent der »Zeit« findet: „Tom Tykwer mag Fantasie und Begeisterung, Ideen und Visionen versprühen, sein Problem ist aber, dass ihm dafür schlichtweg die Bilder fehlen.“ Und weiter: „In manchen Einstellungen des Films ist diese Diskrepanz zwischen Großausdrucksanspruch und tatsächlichem Bild fast schmerzlich spürbar.“

Auf »zdf.de« bemerkt man: „Tatsächlich gelingt es dem Film, die Zuschauer ins Universum der Gerüche zu entführen.“
Bei der »Zeit« empfindet man das gar nicht so, merkt dafür aber an: „Tom Tykwer und der Kameramann Frank Griebe geben sich alle Mühe, dieses Organ [Anm.: die Nase des Hauptdarstellers] […] abwechslungsreich zu filmen. Im Mondschein und bei Kerzenschimmer, mit angespannten und mit zitternden Nasenflügeln, die Luft genießerisch oder auch erstaunt einsaugend, über einem ölgefüllten Röhrchen schwebend und an den schneeweißen Brüsten einer Jungfrau schnuppernd. Nach der siebenundzwanzigsten Großaufnahme hat man fast ein wenig Mitleid mit Whishaw, der zu ewig gleichen Himmelschören immer wieder aufs Neue die Nüstern beben lässt. Aber was hat dieses Nasentheater mit der pathologischen Sinnes- und Gefühlswelt von Grenouille zu tun?“

Am Schluss ist man sich bei der »Süddeutschen Zeitung« sicher, „der ersehnte Filmorgasmus ist das „Parfum“ am Ende nicht geworden“.
»cinema« freut sich stattdessen riesig und schließt mit folgendem Fazit: „Bei einem Budget von über 40 Millionen Euro kostete „Das Parfum“ übrigens gerade mal so viel wie zwei Grillfeste von Angela Merkel. Dann schon lieber dieser böse, surreale Kinotraum von Tom Tykwer. „

Verwirrung perfekt? Richtig! Und was jetzt? Muss man grundsätzlich alle Filmrezensionen meiden um sich nicht im Vorfeld von irgendeiner persönlichen Kritiker-Meinung irreführen zu lassen? Man hat im Moment doch gar keine Chance, den Besprechungen für »Das Parfum« zu entgehen. Keine Angst…

Nicht zu unrecht hält man in Medienkreisen an der Überzeugung fest, dass jede Kritik eine gute Kritik ist. Das heißt also, dass die wichtigste Funktion einer Kritik in Wirklichkeit darin besteht, Aufmerksamkeit für ein Werk zu schaffen. Die Bewertung der Qualität eines Films (oder auch Roman, Album etc.) ist eher zweitrangig. So kann eine Reihe von positiven Kritiken zwar zu einem Überraschungserfolg führen – genau so gut können gemischte Kritiken das Interesse des Publikums wecken, sich eine eigene Meinung zu bilden, und auch durchgehend schlechte Kritiken konnten nicht immer einen Kassenerfolg verhindern (siehe Sakrileg).

In erster Linie geht es also darum, die Rezensionen flächendeckend zu streuen, um ein Film-Event zu schaffen, von dem jeder bereits vor Veröffentlichung spricht. Bei dem »Parfum« hat das wunderbar funktioniert. Oder gibt es etwa noch Jemanden, der nicht davon gehört hat?

Foto: Courtesy of Constantin Film, Copyright 2006

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