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Mein erster Tag in Belgrad

In Die Kolumne on 27. August 2006 at 1:28 pm

[Wo fallen Eiswürfel vom Himmel wenn die NATO bombadiert und wo wird »Sex and the city« am städtischen Sandstrand zelebriert? In der weißen Stadt – Belgrad.]

Mein erster Aufenthalt in der serbischen Hauptstadt währt erst einmal nur kurz. Vorbei an einem Zwillingsturm-Hochhaus, das aufgrund seiner Architektur die „Tür nach Belgrad“ genannt wird, und dass spätestens seit dem Fall des Sozialismus nicht mehr renoviert wurde (wahrscheinlich aber noch länger), tauchen wir in den metropolen Berufsverkehr ein. Unglücklicherweise führt eine Bundesstraße direkt durch die Stadt hindurch, und deshalb müssen auch wir uns hier durchquälen, obwohl wir gar nicht als erstes in die Stadt wollen, sondern vorher noch einen Onkel mitsamt der dazugehörigen Tante und deren Tochter Olja und ihren Mann Ivan in einem kleinen Vorort am Rande des Molochs besuchen wollen.

Nach etwas Suchen finden wir tatsächlich zu dem Haus des Onkels und werden stürmisch begrüßt – auch wenn ich bereits nach dem ersten Glas Whiskey kapituliere. Nach ein, zwei oder auch drei Stunden Konverstation serviert uns die Tante ein Mittagessen, das mehr als reichlich ist, allerdings ohne Fett gebraten wurde, da gerade Fastenzeit ist in der keine tierischen Stoffe gegessen werden. Das Fehlen des Fettes stört zwar eigentlich niemanden, der Tante ist es aber doch so unangenehm, dass sie, als wir das Essen loben, erklärt, dass wenn das ein lobenswertes Essen gewesen sei, sie dann Elizabeth Taylor wäre.

Es folgen noch einmal ein oder zwei Stunden Konversation und ich habe immer noch nichts von Belgrad gesehen außer ein paar Asphaltschluchten im Morgengrauen. Endlich zeigen uns Ivan und Olja, die beide Künstler sind, ihr Atelier im Dachgeschoss des Hauses. Durch das große Fenster sieht man ganz links die ersten Ausläufer der Stadt und wenn man geradeaus sieht eine bezaubernde Hügellandschaft. Ivan weißt uns auf einen weißen Gebäudekomplex hin, der auf einem der Hügel ganz in der Nähe zu sehen ist. Bis zur Nato-Bombardierung 1999 wusste niemand der Anwohner, dass es sich um einen Armeestützpunkt handelt. Als dann die Bomben fielen war es leider nicht mehr zu übersehen. Die Landschaft die man durch das Fenster sieht, ist übrigens auch die selbe Landschaft, die Ivan einst porträtierte und danach Tee über das Gemälde schüttete. Das inspiriete seinen Vater, Milorad Pavic, dazu den Roman an dem er damals gerade arbeitete „Landschaft in Tee gemalt“ zu betiteln. Das besudelte Gemälde ziert nun auch das Titelbild des Buches (Milorad Pavic ist übrigens der bekannteste lebende serbische Schriftsteller, bereits einmal für den Nobelpreis nominiert und in etliche Sprachen, natürlich auch Deutsch, übersetzt).

Auch das Haus des Onkels hat einen Schaden bei den Bombardements abbekommen – durch einen herunterfallenden Eisblock. Ganz genau verstanden habe ich allerdings nicht warum die Nato mit Eisblöcken schmeißt. Um kleinere Schäden an zivilen Einrichtungen zu verursachen und dadurch die Moral der Bevölkerung zu untergraben?

Am fortgeschrittenen Nachmittag fahren wir dann doch noch in die Stadt, zusammen mit dem gesamten Familien-Clan. Leider kann die Tante aufgrund ihrer dreiundsiebzig Jahre nicht mehr allzu viel laufen, deshalb fahren wir an den Stadtstrand um diesen mit einem Touristenzug zu umrunden. Der Stadtstrand in Belgrad ist ein großer See, der aber kein stehendes Gewässer ist, sondern vielmehr durch den Fluss „Save“ (die ja in Belgrad in die Donau fließt) entsteht. Wie genau das vor sich geht habe ich leider auch nicht verstanden.
So steigen wir in den Zug ein (dessen Lokomotive eigentlich einmal ein Traktor war) und beginnen die Runde um den See. Der Lokführer/Traktorfahrer ist ein sympathischer Biertrinker im Rentenalter. Die Fahrt führt zuerst vorbei an Tennisplätzen und Basketballplätzen die Jedermann kostenlos nutzen kann. Dass sei das „große serbische Herz“ wie man uns versichert. Danach geht es vorbei an mehreren Dutzend Strandcafes, und erst jetzt wird uns klar, dass es hier tatsächlich mehrere Kilometer Sandstrand zur freien Verfügung gibt. Auf die etlichen Cafes und Bars werde ich nicht im Detail eingehen, nur zwei möchte ich aus der großen Auswahl hervorheben: eine McDonalds-Filiale in einer kleinen Waldhütte, die so auch im Yellowstone Nationalpark stehen könnte und eine Bar mit dem Namen „Sex i Grad“ in deren Mitte zwei Himmelbetten stehen, umringt von den normalen Stühlen. „Sex i Grad“ heißt übrigens „Sex und Stadt“ oder auch „Sex and the city“.
Die Sonne neigt sich langsam und färbt die Menschen und die Stadt in ein goldgelbes Licht, während wir unsere Traktorrunde vollenden, aussteigen und zurück zum Parkplatz laufen, auf dem das Parken auf unbegrenzte Zeit 60 Dinare (75 Cent) kostet. Später am Abend werden wir noch eine Runde durch die Innenstadt laufen (ohne die Familie) und uns wundern, dass in Belgrad rund um die Uhr wahre Menschenmassen unterwegs sind (mit Sicherheit mehr als in deutschen Großstädten) – aber dass ist eben einfach so.

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