Autor & Filmemacher

Das Ende einer Legende

In Die Kolumne on 15. Dezember 2005 at 5:02 pm

[Über das offizielle „Abmelden“ einer unbekannten Kultband.]

Ich öffne den Briefkasten. Zwischen die Werbebriefe hat sich tatsächlich ein normaler Brief gequetscht. Wow! Von wem kann der nur sein?
Denic? Das ist doch die Stelle die .de-Domains verwaltet, was wollen die bloß von mir?

„Sehr geehrte Damen und Herren,

…bla bla bla… Sie sind als Domaininhabervon einer oder mehreren .de-Domain(s) eingetragen, welche sich derzeit im sogenannten ‚TRANSIT-Zustand‘ befindet/befinden.“

Man wird verstehen, dass ich an dieser Stelle etwas verwirrt war.

“ […] Maximal 4 betroffene Domains sind im folgenden aufgeführt.

geist-erfahrer.de“

Aha. Hatte ich schon fast vergessen, dass wir vor ein paar Jahren für unsere Band „GEIST-ERFAHRER“ eine Webpage bei einem kostenlosen Anbieter angelegt hatten. Jetzt erst hat der Anbieter seine Adressen aufgeben, was bedeutet das unsere Webpage tatsächlich bis Dezember 2005 online war, obwohl wir seit Sommer 2001 nicht mehr zusammengespielt haben! Aufgelöst haben wir uns übrigens auch nie offiziell. Man kann ja auch immer so schön darüber smalltalken wenn man die Jungs mal wieder trifft (eher selten), dass man bestimmt irgendwann mal wieder zusammen proben würde – demnächst. Klarer Fall…
Heute, mit dem Brief von der Denic in der Hand, komme ich leider mit keinem SmallTalk durch – die wollen nämlich ca. 58€ von mir wenn ich die Seite nicht innerhalb von vier Wochen abmelde! Ich fürchte ich muss handeln.

So stehe ich nun also hier, etwas sentimental, und lasse mir die lustigen Jahre mit den GEIST-ERFAHRERN noch mal durch den Kopf gehen, trinke ein Glas Rotwein…

[Some kind of punk – Ein offizieller Nachruf]

Nun, wir waren schon immer etwas unangepasst, und das war schön – auch wenn es uns davon abhielt beachtet zu werden. Mitte und Ende der Neunziger war es aber auch nicht sonderlich einfach in christlichen Kreisen – besser gesagt in christlichen Jugendkreisen – Musik zu machen, denn genau in einem solchem haben wir uns kennengelernt. Grundsätzlich wird „christliche Musik“ leider immer in die lustigsten Kategorien eingestufft, z.B. „Lobpreis-Musik“, also die Musik die man im Gottesdienst singt um Gott zu preisen und die „Christian Contemporary Music“ (welch bezaubernder Anglizismus), das ist also die zeitgemäße Musik mit der man Leute missionieren sollte – so zumindest die Überzeugung vieler Christen. Die Möglichkeit einfach ein Mensch zu sein der Musik macht, und darüberhinaus auch noch Christ, existierte irgendwie nicht. Und wenn man dann einfach Mensch ist der Musik macht und darüber hinaus auch noch Christ, dann singt man eben auch von den Sachen die einem wichtigen sind. In unserem Fall also fast ausschließlich (wenn auch nonkonforme) Lobpreistexte. Also hätten eigentlich alle mit uns glücklich sein müssen. Das war natürlich nicht der Fall, schließlich haben wir auch nie im Gottesdienst gespielt, und haben manchmal auch über weltliche Dinge gesungen, die uns gerade beschäftigten. Es gab also keine Schublade für uns. Die erste echte christliche Punkband (Punk im Sinne von Gegenkultur) war geboren?!

Eine unserer ersten Entscheidungen, die wir kurz nach der Wahl unseres Bandnamen trafen (das war übrigens bei einer Autofahrt), war das wir uns vornahmen eine Punk-Version des Kinderstundenkalssikers „Sei ein lebendiger Fisch“ einzuspielen. Das war ca. 1997. Wir waren also als Band auch nicht immer die schnellsten, und so haben es SNUBNOSE geschafft uns 1999 eine Nasenlänge vorraus zu sein (für die, die es nicht wissen: nach dem „Second Hand“ Album von SNUBNOSE war das Lied in vielen Gemeinden das EINZIGE deutschsprachige Lied das bei Jugendgottesdiensten überhaupt gesungen wurde!). Ein anderes Lied das wir Covern wollten (diesmal haben wir es wenigstens einmal geschafft es im Proberaum aufzunehmen) war „Anarchy in the UK“, das wir zu „Godarchy in Germany“ umgeschrieben hatten, diesmal war Christcore schneller.

Musikalisch hatten wir vielleicht gar nicht wenig Potential, ich zumindest fand die Mischung von Punk-Hardcore-Anhängern (Hannes und ich) und Leuten die musikalisch bei Woodstock hängengeblieben waren (Ole und Christof) sehr befruchtend. Leider hatten wir nie sonderlich viel Erfolg mit unseren Demoaufnahmen in unseren häufig wechselnden Proberäumen, um diesen Nachruf zu vervollständigen habe ich dennoch einige mp3’s von Liveaufnahmen, Demoaufnahmen und Proberaumaufnahmen (so ähnlich wie bei einem Tocotronic Best-Of-Album) zusammengestellt.

Wo wir wohl gelandet wären, hätten wir ernsthaft weiter Musik gemacht? Das weiß keiner so genau… nur wo wir stattdessen gelandet sind kann man sagen ;

Ich klicke auf der Denic-Seite auf bestätigen, und trinke den Wein aus…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: