Autor & Filmemacher

Archiv für die Kategorie ‘Die Kolumne’

Bosnische Wahrzeichen

In Die Kolumne on 13. Juni 2008 at 9:11

Wer regelmäßig mit dem Auto in das Nachkriegsland Bosnien reist, erlebt die Fahrt wie eine Zeitrafferaufnahme. Dort wo sich beispielsweise im einen Jahr noch eine Grenze befand, sieht man im nächsten Jahr wie gerade die letzten Schlagbäume demontiert werden. Andernorts verwandeln sich provisorisch zusammengebastelte Grenzhütten in High-Tech-Zollstationen. An Stellen, an denen sich bei der vorigen Reise nur eine holprige Landstraße befand, ragen nun mehrspurige Autobahnbrücken in den Himmel.

Passiert man schließlich die Grenze nach Bosnien über die Brücke, die in der geteilten Stadt Slavonski Brod über die Save führt (dort wo man bis zur Jahrtausendwende noch von NATO-Soldaten im Schlauchboot übergesetzt wurde) begrüßen selbst hier den Reisenden Schilder, die auf die bald entstehende Autobahn hinweisen.

Fährt man einige Kilometer ins Landesinnere, so wird der „Todesstreifen“, die Aneinanderreihung zerstörter und verlassener Dörfer, die bisher am Straßenrand auftauchten, jedes Jahr schmaler. Die Sicht auf die Ruinen wird plötzlich von zahllosen Häusern verdeckt, die sich im Rohbau befinden. Und zwischen zwei der letzten ausgebrannten Siedlungen taucht wie aus dem Nichts – von grünen Neonröhren illuminiert – eines der Wahrzeichen des neuen Bosniens auf: die hochmoderne Tankstelle.

Bald wird man auch diese letzten Überreste des Krieges auf der Reise nicht mehr sehen können. Wenn erst die neue Autobahn gebaut ist, wird sie dem Reisenden, in kurzen Abständen, immer wieder das Gleiche bieten; den Blick auf das zweite Wahrzeichen des neuen Bosniens: das hochmoderne Einkaufszentrum.

Köhler for Kaiser!

In Die Kolumne on 1. Juni 2008 at 10:03

In den letzten Tagen konnte ein Webauftritt meine besondere Aufmerksamkeit erregen: Die Seite der Kaisertreuen Jugend. Und das nicht nur wegen der grellen Farben (ich sage nur „Knallblau“; man muss es gesehen haben, um mitreden zu können).

Ich finde es ja beruhigend zu wissen, dass es dort draußen irgendwo ein paar junge Leute gibt, die sich noch Gedanken darum machen, wie es mit dir Politik in Deutschland weitergehen soll. Nein wirklich …

Aber wie soll man die Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland nach Neunzig kaiserfreien Jahren durchsetzen? Da gäbe es doch sofort einen Aufschrei durch die Nation: »Wer soll das bezahlen?!«

Laut einem Interview mit zeit.zuender.de sei man sich zwar einig, »dass die Deutschen insgeheim einen Hang zur Monarchie haben«, »Warum sonst explodieren jedes Mal die Einschaltquoten, wenn Rolf Seelmann-Eggebrecht die Geburtstagsparade der Queen kommentiert?«

Aber beim Geld, da bin ich mir sicher, hört die Begeisterung für die erbliche Monarchie auf. Wenn ich mir die Forderungen der Kaisertreuen Jugend ansehe, kommt mir aber ein viel besserer Gedanke, als den, dass man den preußischen Thronprätendenten zum Kaiser krönt.

Wenn ich es richtig verstehe, sehnt sich der Verein nach einem Monarchen, der als Anwalt des Volkes ein Bindeglied zwischen Bevölkerung und Parlament herstellt, der für religiöse Werte und Menschlichkeit einsteht und der Deutschland im Ausland ein Gesicht verleiht. Aber macht das alles nicht auch der aktuelle Bundespräsident – und dass, obwohl man es vor seinem Amtsantritt weder von ihm verlangt, geschweige denn erwartet hatte?

Mein Vorschlag wäre also: Ruft einfach Horst Köhler zum Kaiser auf Lebenszeit aus, dann bräuchte sich die CDU auch nicht mehr mit den unliebsamen Gegenkandidaten von der SPD rumärgern. Die Frage nach der Sinnmäßigkeit des Bundespräsidentenamts würde entfallen, außerdem residiert Köhler eh schon im Schloss Bellevue – was das allein an Kosten sparen würde, das Bundespräsidentenschloss ohne jegliche Umzugskosten zum Kaiserschloss umzudeklarien!

Am besten wäre natürlich, den Papst für die Krönung zu engagieren, damit die kaiserliche Legitimität gewahrt bleibt. (Ist Köhler eigentlich katholisch?) Jetzt, da wir gerade Papst sind, haben wir vielleicht ganz gute Chancen …

Fotos: Quelle – Wikipedia.de, Collage: d.m.

Postmoderne Einkaufsfreuden

In Die Kolumne on 15. April 2008 at 9:13

Vor kurzem übernahm ich, an einem sonnigen Tag, den Frondienst, einen Besuch bei einem großen skandinavischen Möbelhaus anzutreten. Mein Erstaunen war groß, als ich es tatsächlich bis kurz vor die Kasse geschafft hatte, ohne in größere Lethargie zu verfallen … aber eben nur bis kurz vor die Kasse!

Was ich nicht ahnen konnte; dass es bei besagtem Möbelhaus seit einigen Wochen etliche Kassen gab, an denen man nicht mehr mit Bargeld zahlen konnte. So kam es auch, dass ich den Mann, der ein paar Meter in der Schlange vor mir plötzlich umdrehte, nicht weiter beachtete. Vielleicht hatte er ja etwas vergessen, die Scharniere für den Küchenschrank auf seinem Einkaufswagen zum Beispiel, dachte ich. Unwissend.

An der Kasse angekommen, alle Artikel über das Band gezogen und der Kassiererin lächelnd zwei Scheine entgegen streckend, wurde ich mit der traurigen Wahrheit konfrontiert. Der kapitalistische Überwachungswahn nun auch in der Möbelbranche!

Kassiererin: »Aber haben Sie denn nicht das Schild gesehen?! Ist doch riesengroß!«

Ich trat einen Schritt zurück und blickte nach oben. Dann wieder einen Schritt nach vorne, dabei denkend: »Ob das Schild wirklich als riesengroß bezeichnet werden kann, darüber ließe sich herrlich streiten.«

Gesagt habe ich stattdessen (peinlich berührt): »Achso.«

Dann wurde irgendeine Vorgesetzte angerufen, die ging aber nicht an den Apparat, weil sie gerade an der Kasse gegenüber war; dort war dasselbe Problem aufgetreten.

Zum Glück.

Zuerst dachte ich nämlich, ich wäre der Einzige, der nicht nur zu blöd war sich an der richtigen Kasse anzustellen, sondern AUCH NOCH nicht in der Lage war, dann eben mit der EC-Karte zu bezahlen.

Als ich schließlich mit meinem unbeglichenen Kassenzettel an eine andere Kasse geschickt wurde, eine mit der Möglichkeit zur Barzahlung, musste ich wieder warten. Nachdem der Kunde, der gerade bedient wurde, fertig war, fragte ich höflich, ob ich kurz meinen Bon bezahlen dürfte.

Plötzlich eine schrille Frauenstimme, kreischend von der Seite: »Ahhh! Stellen Sie sich hinten an! Ich kann doch nichts dafür, dass Sie zu blöd sind um die Schilder zu lesen!«

Kassiererin 2 (ruhig): »Nein, ich mach das jetzt zuerst fertig.«

Hysterische Frau (rennt weg): »Ich geh jetzt! Niemals wieder kauf ich hier was ein!«

Ehemann der hysterischen Frau (verwirrt an der Kasse zurückbleibend): »Aber was soll das denn jetzt?! Das bringt doch nichts … Blamier’ mich doch nicht immer!«

Nach zehn Sekunden dackelte er frustriert seiner Frau hinterher. Nach weiteren zehn Sekunden hielt ich mein Restgeld in der Hand.

Mittlerweile stand übrigens wieder eine Frau an der Kasse, an der ich zuerst war, und schrie: »WAS?! Wenn ich hier nicht mit Bargeld zahlen kann, dann soll ich wohl alles wieder zurückgeben!? Ihr könnt mich alle mal!«

Schweigen . . .

In Die Kolumne on 26. Dezember 2007 at 2:13
In Gedenken an

Hannes D.

30.11.1982 – 20.12.2007

» Alles hat seine Zeit und alles Vorhaben
unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit,

sterben hat seine Zeit;
einpflanzen hat seine Zeit,

ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit. «

Die Bibel, Prediger 3

Autobiographisches Schreiben

In Die Kolumne on 12. Mai 2007 at 6:25

In den letzten zwei Wochen habe ich zwei John-Irving-Romane hintereinander gelesen; „Garp und wie er die Welt sah“ und „Witwe für ein Jahr“. Ausgerechnet die beiden Irving-Romane mit Schriftstellern als Protagonisten. Natürlich kommt beim Lesen von „Autor-schreibt-über-Autor“-Romanen immer ein zusätzlicher Knobbelfaktor dazu – das unweigerliche Rätseln, ob der Verfasser gerade aus seinem eigenen Leben berichtet oder die Passage nur erfunden hat.

Noch verzwickter wird die Sache, da eben dieses auch in beiden Roman fortlaufend thematisiert wird; wieviel Autobiographisches findet man vom Autor in einem fiktionalen Text? Und dann ständig diese Romane im Roman. So schreibt der junge Garp zum Beispiel die Kurzgeschichte „Die Pension Grillparzer“, die doch eigentlich John Irving geschrieben hat, und auch lange vor dem Garp-Roman bereits veröffentlicht hatte.

Oder nehmen wir Marion Cole, die Verfechterin der Theorie, dass ein guter Roman nur auf Erfindung basieren darf und nicht auf Selbst-Erlebtem. Als sie in Amsterdam einen Vortrag zu diesem Thema hält, will sich ein Nachwuchsschriftsteller, der im Publikum sitzt und nur zum Schreiben von autobiographischen Texten fähig ist, gar verzweifelt das Leben nehmen. Dabei hat Miss Cole zu dem Zeitpunkt, als sie den Vortrag hält, bereits angefangen, einen neuen Roman, der auf Autobiographischem basiert, zu entwerfen!
Und die Meinungen über dieses Thema gehen in der Tat weit auseinander. Auch im echten Leben. So kam vor kurzem eine Frau auf mich zu und sagte mir, sie fände mein „Caffe della Vita“ besser als die Werke von Hermann Hesse.

»Wie kommen Sie denn darauf, dass mein Roman besser wäre als die Werke von Hesse?«, fragte ich iritiert – Hermann Hesse und ich, was für ein sonderbarer Vergleich!

»Nun, Hesse hat immer nur das geschrieben, was er selbst erlebt hat. Das ist keine Kunst, das ist keine richtige Literatur. Ihr Buch ist richtige Literatur.«

»Aha?!«

Zum Glück weiß diese Frau nicht, wieviel Autobiographisches ich in „Caffè della Vita“ habe einfließen lassen! Aber ich scheine es ja ganz gut versteckt zu haben.

Die Lösung aller Ihrer Probleme!

In Die Kolumne on 16. April 2007 at 6:39

Fühlen Sie sich auch manchmal abgeschlafft, matt und niedergeschlagen? Hat Ihr Chef sie wieder einmal den lieben langen Tag im Büro angeschrieen? Hackt Ihr Partner ständig auf Ihrem Gewicht herum? Wird der Tinitus täglich schlimmer und die Migräne unbezwingbar? Haben Sie im Lotto wieder einmal nur einen Richtigen?

Kein Problem – wir haben die Lösung!

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Zeit, den Musikgeschmack zu wechseln.

In Die Kolumne on 14. April 2007 at 6:04

Nun ist die Rock’n'Roll-Welle also auch bei Tchibo hereingeschwappt.

In der Konzernzentrale trocknen die Praktikanten wahrscheinlich immer noch mit dem Fön die dadurch entstandenen Wasserschäden, während die Trend-Scouts bereits auf das Cover des aktuellen Magazins mit rosafarbenen Lettern das neueste Motto, „Rock ‘n’ Style“, gestempelt haben. Na super.

Im Heft selbst finden sich dann ganz viele dolle Klamotten, die so cool sind wie die Wurst im Kühlschrank. Zum Beispiel die Nappalederjacke im „angesagten Anti-Look“ mit Handy-Innentasche, der Strechjeans im „Used-Look“ mit Nieten am Arsch oder die Mädchenunterhose mit Hinternaufdruck „Rocking Girl“. Eine CD zum rocken für zu Hause hat man auch im Programm, mit derben Rockacts, die ohne Probleme die Strokes und Maximo Park in die Tasche stecken können, nämlich „Shaggy“ und „Katrina and the Waves“.

Im Magazinteil gucken Tokio Hotel den Betrachter grimmig an und die Konzernschreiber erklären den „neuen Glamrock-Style“. „… derzeit schwer angesagt“. Aha.

Rock’n'Roll-Style ist bei Tchibo angekommen. Zeit, den Musikgeschmack zu wechseln.

Und den Klamottengeschmack. Und die Unterhosen. Aber nur einmal in der Woche – wie die echten Rocker.

Leitfaden zur sakralen Bedrängnisgymnastik

In Die Kolumne on 13. April 2007 at 7:40

[In der Reihe »Der kleine Kirchenkatechismus – oder wie finde ich die perfekte Gemeinde« präsentieren wir Ihnen diese Woche: Die orthodoxe Kirche]

Die Lithurgie in einem orthodoxen Gottesdienst ist für einen Anfänger nicht leicht zu verstehen – am besten Sie versuchen es gar nicht. Ehrlich. Natürlich könnte man den Aufbau ohne Probleme im Internet nachlesen und dabei erfahren, dass der Gottesdienst aus drei Hauptteilen besteht, die wiederum in jeweils drei bzw. vier Teile untergliedert sind, die nochmals aus bis zu neun einzelnen Handlungsabläufen bestehen. Wussten Sie zum Beispiel, dass nach dem „Vater Unser“ noch das „Hauptneigungsgebet“ gesprochen wird, noch vor der Kommunion der Zelebranten und dem Antidoron? Nein wirklich, vergessen Sie es.

Sehen Sie den Gottesdienst lieber als sportliche Disziplin. Dann tun Sie wenigstens etwas für Ihre körperliche Gesundheit. Ich nenne es liebevoll „die sakrale Bedrängnisgymnastik“. Lassen Sie mich Ihnen kurz die Regeln erklären:

1.) Jeder Teilnehmer hat zu Beginn des Wettbewerbs ein 1/4 Quadratmeter großes Stück Bodenfläche als Standort zu wählen. Diese Position darf während des gesamten Wettkampfes nicht verlassen werden. Sitzgelegenheiten sind nicht zulässig.

2.) Der Wettkampf dauert 90 Minuten. Wer sich als erster hinsetzt oder das Gebäude verlässt, hat verloren.

Hört sich gar nicht so kompliziert an, sagen Sie? Ist es eigentlich auch nicht. Ich habe ein paar einfache Tipps für Sie zusammengestellt, mit denen der Sieg sicher ist:

a.) Achtung! Gefahr! Der Einsatz von Weihrauch fällt nicht unter das Dopingverbot. Vielmehr ist es so, dass der Schiedsrichter die entstehenden Dämpfe gezielt einsetzt, um Ihre Standfestigkeit zu prüfen. Wird Ihnen schwarz vor Augen, reißen Sie sich zusammen. Fallen Sie nicht in Ohnmacht, so haben Sie schon so gut wie gewonnen.

b.) Darüber hinaus ist es möglich, dass der Schiedsrichter versucht, Sie in eine verbale Hinterlist zu locken. Fallen Sie nicht auf Aussagen wie „Sie können sich nun hinsetzen“ herein. Abgesehen davon – es gibt sowieso keine Stühle (siehe Regel 1).

c.) In der Halbzeit wird ein Chor auftreten, um Ihre Moral zu zerstören. Der fiese Trick dahinter ist, dass die einzelnen Sänger zwar gar nicht so schlecht singen, allerdings intoniert jeder von ihnen ein anderes Lied – und das zur selben Zeit. Das Ergebnis hört sich an wie ein Rudel betrunkener Katzen im Schleudergang. Doch ein Profi wie Sie wird sich davon nicht in die Knie zwingen lassen. Denken Sie immer daran – das ist Ihre Gelegenheit zu zeigen, dass Sie aus hartem Holz geschnitzt sind. Konzentrieren Sie sich auf die Schuhabsätze Ihres Vordermanns und denken Sie an etwas Schönes – dann haben Sie es bald überstanden.

d.) Atmen Sie vor dem Wettkampf auf Reserve. Sobald sich das Spielfeld erst einmal mit Menschen gefüllt hat, werden Sie dafür dankbar sein. Bedenken Sie, wie wenig Platz Ihnen zwischen 200 Personen auf 50 Quadratmetern bleibt.

e.) Das Wichtigste, um das Match erfolgreich zu überstehen, ist allerdings die Beinarbeit. Eine typische Verschleißerscheinung ist das Schmerzen einer Schulter, nachdem man 30 Minuten regungslos dasteht. Bleiben Sie daher immer in Bewegung. Stellen Sie sich auch mal nur auf ein Bein, wippen Sie auf den Zehenspitzen vor und zurück, legen Sie die linke Hand auf die rechte Schulter und drehen sich dabei im Kreis – Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Am besten trainieren Sie Ihre Wadenmuskulatur bereits vor dem Wettkampf, fahren Sie täglich 50 Kilometer mit dem Fahrrad und spurten Sie am Morgen vor dem Match das Treppenhaus eine Stunde auf und ab. Vergessen Sie nicht Ihren neuen Wahlspruch – ein starkes Bein und der Sieg ist mein!

Haben Sie die 90 Minuten überstanden, winkt Ihnen die Medaille in Form des Schlusssegens aus dem Munde des Schiedsrichters. Wundern Sie sich bitte nicht, dass das alles ist, was Sie als Anerkennung für Ihre Mühe bekommen. Die Anstrengungen, die der Schiedsrichter unternimmt, um Ihnen jegliche Eigenverantwortung im Glauben aus der Hand zu nehmen und Sie von jeglichen spirituellen Zwängen entlastet, sind schließlich auch nicht zu unterschätzen.

Denn merken Sie sich eines – selber beten ist unsportlich und nicht im Sinne des Wettkampfes!

Fernsehen verblödet…

In Die Kolumne on 20. November 2006 at 9:00

Fernsehen verblödet. Ein Beispiel:

Neulich, zwei Uhr nachts. Das Telefon klingelt. Ich gerade mitten im Tiefschlaf. Nachdem ich erst einmal realisiert hatte, dass überhaupt irgendetwas klingelt, und bis ich dann kapiert hatte, dass es kein Wecker war, hatte das Telefon natürlich schon wieder Ruhe gegeben. Aber die Nummer eines Freundes wurde auf dem Display angezeigt! Zu Müde zum zurückrufen, also erst Mal weiter schlafen…

Am nächsten Tag ruft wieder der Freund an. Fragte ihn warum er um zwei Uhr nachts angerufen hatte.

„Ich? Angerufen? Zwei Uhr nachts? Nein … Da war ich zwar noch wach und habe irgend so eine neue doofe Serie im Kabelfernsehen geguckt aber …“

Auf einmal dämmert ihm was.

„Moment mal … Jetzt wo du es sagst … und ich hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, als ich im Delirium vor der Glotze saß, warum die Fernbedienung nicht funktioniert hat, obwohl ich die ganze Zeit darauf rumgedrückt hab. Dann war das ja gar nicht die Fernbedienung …“

Palermitaner? Palermer? Palmer? Palme …

In Die Kolumne on 19. November 2006 at 8:41

Als ich vor einiger Zeit mein »Caffè della Vita« Manuskript von meiner Lektorin zurück bekommen habe, war ich doch etwas verwundert. Aus der Bezeichnung »Palermitaner«, die ich für Menschen aus Palermo gewählt habe, wurde kurzerhand »Palermer«. Palermer? Wie klingt das denn?!

Am Telefon erklärte mir meine Lektorin, dass sich der Begriff für Sie ja irgendwie auch falsch anfühle, im Duden stehe es nun Mal so. Ich darauf total verwundert, Palermitaner hatte ich schließlich aus einem bekannten Reiseführer übernommen.
Sie dann darauf, „ehrlich?“ und ich „na klar…“, dann Sie „ok, dann ruf ich mal beim Dudenverlag an!“.

Sie ruft also beim Dudenverlag an, die erklären natürlich erst mal, dass das schon so sein wird wenn es im Duden so steht. Trotzdem haben sie beide Varianten einfach mal bei Google als Suchbegriff eingegen und waren verwundert, dass Palermitaner 1.200 Suchergebnisse bringt, Palermer nur 769. Als nächsten also die Empfehlung die Lektorin solle doch in Italien bei einem Club in Italien lebender Deutscher anrufen – natürlich mit der Bitte danach mit neuen Erkenntnissen nochmals beim Dudenverlag zurück zurufen.

In Italien meinte man schließlich, man würde auch Palermitaner vorschlagen, ist schließlich auch viel näher am italienischen Original: Palermitani. Damit bleiben die Palermitaner in „Caffè della Vita“ also Palermitaner und der Dudenverlag will das Wort angeblich in einer der nächsten Redaktionssitzungen mal ansprechen…

Chinesische Messe im Bus nach Berlin

In Die Kolumne on 3. November 2006 at 2:06

Lange keine Einträge im Blog. Viel Arbeit. Viel Streß.

Habe heute Nacht geträumt. Hatte in letzter Zeit anscheinend nicht viel Zeit meine täglichen Erlebnisse zu verarbeiten. Die letzten vier Wochen kamen nämlich schön durcheinander gewürfelt darin vor.

Als nötige Hintergrundinformationen muss ich anführen, dass:

- ich vor vier Wochen auf der Buchmesse in Frankfurt war (es hat mir keinen Spaß gemacht).

- ich vor drei Wochen in Berlin auf einer Künstlerkonferenz war. Leider hat sich mein rechtes Auge, kurz nachdem ich im Konferenzraum angekommen war, entzündet (!). Unter starken Schmerzen, leidend, musste ich danach die schlimmste U-Bahnfahrt meines Lebens absolvieren. 5mal Umsteigen, da einige Stationen wegen Umbauarbeiten gesperrt waren. Einmal sind wir sogar eine Station in die falsche Richtung gefahren …

- ich am Sonntag chinesisch Essen war

Und jetzt der Traum:

Musste gegen meinen Willen in einer fremden Wohnung in Berlin übernachten, um am nächsten Tag zu einer Messe gehen zu können, zu der ich aber gar nicht gehen wollte.

Am nächsten Tag ging ich dann auf die Straße, die mittlerweile in Peking (!) und nicht mehr in Berlin lag, und ging zur Bushaltestelle. Mein Freund Matthias, der ein Jahr in China studiert hat, war inzwischen auch dabei. Ich wollte immer noch nicht auf die Messe. An der Bushaltestelle standen mindestens dreißig Busse, die alle in unterschiedliche Richtungen fuhren. Nur Messegelände stand auf keinem. Auf einmal kam ein Bus an, der in Richtung „Daniel M.“ fuhr.

Matthias hatte zwar Zweifel ob das der richtige Bus sei, ich habe ihn dann aber überredet einzusteigen, da ich meinte, dass ein Bus, der zu einer Station fahren würde, die genauso heißt wie ich, gar nicht falsch sein könnte (!).

Im fahrenden Bus hat uns dann der Fahrer auf deutsch (ja, es hat mich im Traum auch gewundert, dass Busfahrer in Peking deutsch sprechen) erklärt wohin sein Bus eigentlich fährt. In genau die falsche Richtung…

Als wir an der nächsten Haltestelle ausgestiegen sind, habe ich mich dann zum aufwachen gezwungen. Ich hatte nämlich keinen Bock mehr auf Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln – wohin auch immer.

Bildnachweis: matthiashub.de

Die Karl-May-Verschwörung

In Die Kolumne on 20. Oktober 2006 at 8:21

Ich mag Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien decken auf, was die Menschen wirklich glauben, ihre lustigsten Fantasien und natürlich vereinfachen sie komplizierte Sachverhalte auf eine simple Theorie, die jeder verstehen kann.

Der Drang der Menschen nach einer Einteilung der Welt in »schwarz und weiß«, in »gut und böse« wird dabei sichtbar; denn entweder wird bei einer Verschwörungstheorie eine Person oder eine Personengruppe als »ultimativ böse« oder aber eine Person als »unsterblicher Held« ikonisiert. Letzteres geschieht zum Beispiel bei der »Karl-May-Verschwörung«, die mir gestern als Nebenprodukt in einem Recherchegespräch für meinen nächsten Tatsachenroman präsentiert wurde.

Das Grundmotiv der Theorie geht davon aus, dass Karl May von seinem 4-jährigen Gefängnisaufenthalt in Wirklichkeit nur wenige Wochen abgesessen hat. Nach Aussage des Verschwörungstheoretikers wäre Karl May ja schließlich nur wegen Diebstahls von zwei Kerzenstummeln verurteilt worden. In den fehlenden dreieinhalb Jahren seines Lebenslaufes wäre May nach Amerika gereist, was den Detailreichtum seiner Werke erkläre. Das Wissen um diese Reise würde »man« angeblich kategorisch vertuschen und May stattdessen Schizophrenie als Quelle seiner Inspirationen vorwerfen …

Darüber hinaus seien die Werke von May in Deutschland alle gefälscht, nur in der Schweiz gebe es Originale. Das liege daran, dass der Karl-May-Verlag in Deutschland alle, die dagegen vorgehen wollen, mit Prozessen zum Schweigen bringen würde. Der Menschenfreund May hätte so indianerfreundlich geschrieben, dass die Texte im 19. Jahrhundert alle grundlegend zensiert werden mussten, um die Indianertötungsmoral deutscher Amerikaauswanderer nicht zu gefährden. Der Verlag hätte also größtes Interesse daran, die Fälschungen weiterhin zu vertuschen, um die Glaubwürdigkeit ihres Verlagsprogramms nicht zu gefährden.

Selbstverständlich ist es überflüssig zu erwähnen, dass mein Gesprächspartner bereits in allen Archiven gewühlt hatte und alle Schauplätze in den USA bereist hatte, um seine Theorien zu erforschen …

Und niemand sieht den wahren Helden Karl May – außer natürlich ein paar auserwählten Verschwörungstheoretikern. Niedlich.

Buchmesse, Menschenmassen und Roger Willemsen

In Die Kolumne on 11. Oktober 2006 at 1:29

Ich mag keine Messen. Mag sie einfach nicht. Schon als Kind habe ich so spannende Messen besuchen dürfen wie z.B. die Druck&Papier Messe in Düsseldorf. Hallenweise Chemikalienbäder und Papiermuster. Super.

Natürlich, wird der ein oder andere jetzt denken, aber die Buchmesse ist doch eine Unterhaltungsmedien-Messe. Überall nur tolle Bücher und bekannte Autoren. Na super…

Ehrlich gesagt habe ich auf der Buchmesse gar keine Bücher gesehen, die ich nicht zuvor bereits in einer Buchhandlung, bei Amazon oder im »Bücher«-Magazin entdeckt hatte. Und dafür der Stress mit den Tausenden und Abertausenden von Menschen auf engstem Raum?

Mein erstes Erlebnis dieses Jahr auf der Messe verlief ungefähr so:

Ich laufe in die erste Halle. Immer den Menschenmassen hinterher. Vor mir zwei Frauen mit Rollwägen die sich alle Mühe geben mich auszubremsen. An einem Tisch ein paar Meter entfernt entdecke ich im vorbeigehen Roger Willemsen.

»Hey, guck mal das doch… nicht wahr…«, sagt die eine Dame zu der Anderen und beide bleiben unvermittelt stehen.

Während ich in vollem Gang gegen den Rollwagen knalle und in einer akrobatischen Meisterleistung das Gleichgewicht zurückgewinne, erkennt auch die Begleiterin endlich den Prominenten.

Also dann – auf nach Leipzig, Kameraden!

Der Schlaflabor-Film

In Die Kolumne on 10. Oktober 2006 at 1:30

Neulich waren wir in dem Film »The Science of Sleep« in einem kleinen romantischen Programm-Kino. Wir, das sind in diesem Fall drei Filmschaffende, die nicht weniger begeisterte Cineasten sind. Das betreffende Programm-Kino ist das einzige Kino, in dem ich je eingeschlafen bin (allerdings auch nur bei einem Filmfestival-Film mit John Turturro).

Ich freue mich also, einen Film über das Schlafen in einem Kino zu sehen, in dem ich schon mal eingepennt bin. Die Lichter erlöschen in dem Saal und der Film beginnt. Schlaflabor im Kopf des Hauptdarstellers. Bonbon-Papier-Wellen. Rennende Spielzeugpferde in Stop-Motion. Karton-Gewehre. Eine 1-Sekunden-Zeitmaschine. Ich bin sofort hin und weg und von dem Film begeistert.

Das Licht geht wieder an, der Vorhang schließt sich und zu meiner Linken höre ich aus zwei Mündern parallel: »Kannst du mir den Film erklären?«, »Wie ist der Film jetzt eigentlich ausgegangen?«

»Ihr habt den Film doch auch gesehen?«, erwidere ich verwundert.

»Ja, aber wir sind doch eingeschlafen.«

»Wow«, sage ich. »Das nenne ich mal interaktives Filmschauen!«

Warten auf den Bus, der nicht kommt

In Die Kolumne on 15. September 2006 at 1:52

[Erlebnisse von der Adriaküste.]

Stundenlang in der brennenden Sonnenhitze an einem Badestrand zu sitzen und nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun, ist für mich immer ein wenig so, als würde ich auf einen Bus warten, der nicht kommt. Anders ergeht es mir auch nicht in einem kleinen Badeort an der Adriaküste in Montenegro.

Dazu sollte man zuerst etwas zur Adriaküste im Allgemeinen erklären: wunderschön anzusehen, aber überall nur Felsen, Felsen und noch mehr Felsen.
Um diesem Umstand zu begegnen, hat man vielerorts einfach die steinigen Strände betoniert, um den Touristen ihr Badevergnügen zu ermöglichen. Da wir es aber nicht sonderlich erstrebenswert finden, auf einem Betonblock zu liegen, während uns der Duft des echten, weiten Meeres in die Nase steigt, suchen wir nach dem letzten unberührten Stück Strand. Fündig werden wir nach einem langen Fußmarsch in der hintersten Ecke der Bucht, sogar noch hinter dem FKK-Strand.

Auf den ersten Blick sind die Steine hier tatsächlich ziemlich klein – eigentlich gar keine richtigen Felsen. Wir mieten uns für je einen Euro Sonnenschirm und Liegestuhl, positionieren uns so, dass wir die nackten Rentner nicht die ganze Zeit sehen müssen, und legen uns hin. Und dann… Warten. Zum Glück ist es trotz den 31 Grad Celsius extrem windig, so beschert mir das gelegentliche Hinter-dem-Sonnenschirm-her-rennen ein wenig Abwechslung.

Irgendwann wird es mir dann langweilig genug, so dass ich beschließe, mich ins Wasser zu wagen. Leider habe ich keine Badeschlappen und erst Recht keine von diesen neuen Badeschuhen dabei, deshalb werden nicht nur die fünf Meter vom Liegestuhl zum Wasserrand über die vielen kleinen Steinchen zum Hindernislauf. Richtig problematisch wird es erst im Wasser, die zwanzig bis dreißig Meter zu überwinden bis es tief genug ist zum schwimmen. Bis ich es dorthin schaffe, stoße ich mir mehrmals das Schienbein an oder rutsche auf den Felsbrocken aus. Überhaupt liefere ich beim Inswasserlaufen eine ziemlich alberne Vorführung – weshalb ich jetzt nicht weiter ins Detail gehen möchte (die meisten anderen Badegäste sind aber auch ab und zu ausgerutscht – ehrlich!).

Ein paar Tage später, zurück in unserer Basisstation in Teslic, erzählt mein Schwager, wie es ihm erging, als er das erste Mal an besagtem Strand im Urlaub war:
Bereits früh am ersten Morgen musste er viel zu viele Taschen unter viel zu wenig Arme klemmen, nicht zu vergessen den Nachwuchs einsammeln. Dann zwei Kilometer zum Strand trotteln, alles auspacken, Kind versorgen, hinlegen. Gerade als er anfängt, sich einigermaßen zu langweilen, muss alles wieder eingepackt werden – schließlich gibt es Mittagessen im Hotel. Also den ganzen Weg wieder mit den ganzen Taschen zurück laufen, essen, Taschen wieder einsammeln, Nachwuchs mitnehmen und zwei Kilometer zurück zum Strand, alles auspacken, Kind versorgen, hinlegen, langweilen. Abends erschöpft ins Hotelbett fallen, nur um zu erfahren, dass man noch einen Abendspaziergang unternehmen müsste.

Drei Tage hielt er durch, als er eines schönen Morgens plötzlich einen wunderschönen Bus an der Haltestelle in Igalo sah. Es war der wunderschönste und bezaubernste Bus, den er jemals gesehen hatte. Und dabei war es eigentlich nur die Aufschrift, die ihn so sehr faszinierte: TESLIC. Er rannte ins Hotel, sagte der Frau und der Schwiegermutter Bescheid, dass er schon mal mit dem Bus vorfährt und küsste die Erde seiner Heimatstadt, als er wieder zu Hause ankam.

Für ihn ist der Bus also doch noch angekommen.

Guter Film, schlechter Film?

In Die Kolumne on 13. September 2006 at 12:53

[Was ist eigentlich eine gute Filmkritik? »Das Parfum« schenkt Durchblick.]


Das hat man doch alles schon einmal erlebt: da nähert sich die Veröffentlichung eines Films, für den man sich schon länger interessiert, bekommt die erste Rezension in die Hand und liest begeistert, dass der Film das größte Meisterwerk seit Metropolis sei, ja sogar seit der Erfindung des Films überhaupt. Ein paar Tage später schlägt man freudig die Tageszeitung des Vertrauens auf und liest plötzlich, „Katastrophe“ oder auch nur „der langweiligste Film seit Sakrileg“. Aber was bringt es uns armen Film-Endverbrauchern (die doch nicht mehr verlangen als im Vorfeld zu erfahren, ob sich die Investition in die Kinokarte im Nachhinein lohnen wird) denn überhaupt, die Filmkritiken zu lesen, wenn im Endeffekt doch jeder Autor schreibt, was er will?

Sehen wir uns nur einmal die Rezensionen zum aktuellen Event-Film »Das Parfum« an. In der Zeitschrift »cinema« heißt es zum Beispiel: „Der Film wäre unvorstellbar ohne die exzellente Leistung des britischen Hauptdarstellers Ben Whishaw…“. Die Kollegin von »filmszene.de« hingegen schreibt: „Einzig und allein der Hauptdarsteller Ben Whishaw bleibt ein Fragezeichen.“

»neon« nennt den größten Wermutstropfen des Films die „schwülstige Filmmusik“.
Bei »Filmszene.de« schreibt man: „Bravourös ist auch die dezente und nie aufdringliche Hintergrundmusik“.

»cinema« spricht von „Bilder[n] wie Gemälde“, der Rezensent der »Zeit« findet: „Tom Tykwer mag Fantasie und Begeisterung, Ideen und Visionen versprühen, sein Problem ist aber, dass ihm dafür schlichtweg die Bilder fehlen.“ Und weiter: „In manchen Einstellungen des Films ist diese Diskrepanz zwischen Großausdrucksanspruch und tatsächlichem Bild fast schmerzlich spürbar.“

Auf »zdf.de« bemerkt man: „Tatsächlich gelingt es dem Film, die Zuschauer ins Universum der Gerüche zu entführen.“
Bei der »Zeit« empfindet man das gar nicht so, merkt dafür aber an: „Tom Tykwer und der Kameramann Frank Griebe geben sich alle Mühe, dieses Organ [Anm.: die Nase des Hauptdarstellers] [...] abwechslungsreich zu filmen. Im Mondschein und bei Kerzenschimmer, mit angespannten und mit zitternden Nasenflügeln, die Luft genießerisch oder auch erstaunt einsaugend, über einem ölgefüllten Röhrchen schwebend und an den schneeweißen Brüsten einer Jungfrau schnuppernd. Nach der siebenundzwanzigsten Großaufnahme hat man fast ein wenig Mitleid mit Whishaw, der zu ewig gleichen Himmelschören immer wieder aufs Neue die Nüstern beben lässt. Aber was hat dieses Nasentheater mit der pathologischen Sinnes- und Gefühlswelt von Grenouille zu tun?“

Am Schluss ist man sich bei der »Süddeutschen Zeitung« sicher, „der ersehnte Filmorgasmus ist das „Parfum“ am Ende nicht geworden“.
»cinema« freut sich stattdessen riesig und schließt mit folgendem Fazit: „Bei einem Budget von über 40 Millionen Euro kostete „Das Parfum“ übrigens gerade mal so viel wie zwei Grillfeste von Angela Merkel. Dann schon lieber dieser böse, surreale Kinotraum von Tom Tykwer. „

Verwirrung perfekt? Richtig! Und was jetzt? Muss man grundsätzlich alle Filmrezensionen meiden um sich nicht im Vorfeld von irgendeiner persönlichen Kritiker-Meinung irreführen zu lassen? Man hat im Moment doch gar keine Chance, den Besprechungen für »Das Parfum« zu entgehen. Keine Angst…

Nicht zu unrecht hält man in Medienkreisen an der Überzeugung fest, dass jede Kritik eine gute Kritik ist. Das heißt also, dass die wichtigste Funktion einer Kritik in Wirklichkeit darin besteht, Aufmerksamkeit für ein Werk zu schaffen. Die Bewertung der Qualität eines Films (oder auch Roman, Album etc.) ist eher zweitrangig. So kann eine Reihe von positiven Kritiken zwar zu einem Überraschungserfolg führen – genau so gut können gemischte Kritiken das Interesse des Publikums wecken, sich eine eigene Meinung zu bilden, und auch durchgehend schlechte Kritiken konnten nicht immer einen Kassenerfolg verhindern (siehe Sakrileg).

In erster Linie geht es also darum, die Rezensionen flächendeckend zu streuen, um ein Film-Event zu schaffen, von dem jeder bereits vor Veröffentlichung spricht. Bei dem »Parfum« hat das wunderbar funktioniert. Oder gibt es etwa noch Jemanden, der nicht davon gehört hat?

Foto: Courtesy of Constantin Film, Copyright 2006

Küstendorf

In Die Kolumne on 11. September 2006 at 1:33

[Zwischen Ethno-Kunst und Alpen-Punk - das persönliche Dorf von Filmregisseur Emir Kusturica.]


Vor ein paar Jahren hat Kultregisseur Emir Kusturica einen Film mit dem Titel „Das Leben ist ein Wunder“ gedreht. In dem Film versucht ein ebenso gutmütiger wie gutgläubiger Hauptcharakter, eine Eisenbahnstrecke samt Eisenbahn in den bosnischen Bergen, direkt an der serbischen Grenze zu renovieren, um eine Touristenattraktion zu schaffen. Leider hat er seine Rechnung ohne den ausbrechenden Bosnienkrieg gemacht, der wenig später ausbrach – statt Touristen wurden schließlich Kanonen auf den Schienen befördert.
Für die Dreharbeiten fand man ein idyllisches Örtchen in Serbien, tatsächlich direkt an der bosnischen Grenze gelegen, in dem es eine alte stillgelegte Eisenbahnstrecke direkt durch die Berge gab. Man schaffte eine alte Lok inklusive passender Waggons an, renovierte und baute einige Häuser für den Film und begann zu drehen.

Doch damit nicht genug. Nachdem sein eigenes Heimatdorf im Krieg zerstört wurde, und von der Vision getrieben, tatsächlich zu beweisen, dass Tourismus auch in Serbien/Bosnien möglich ist, ließ Kusturica in der Nähe der Bahnstrecke ein Museumsdorf erbauen, indem man bewundern kann, wie die Menschen auf dem Balkan vor 200 Jahren gelebt haben. Die Idee, Museumsdörfer zu bauen, ist an sich nicht neu (lediglich in Serbien und Bosnien). Aber dann gibt es da ja auch noch die Eisenbahn, die mittlerweile in der Tat als Touristenmagnet täglich mehrmals fährt – vorbei an den Schauplätzen des Films.

Emir, der Mann, der in Serbien so bekannt ist wie der Präsident (und wahrscheinlich sogar mehr Anhänger hat), hat es also geschafft. Nicht nur, dass er Filme dreht, die ganze Nationen zu begeistern vermögen – er hat auch die erste Touristenattraktion nach Kriegsende geschaffen. Dabei fragen sich viele Landsleute, wie er das denn nun gemacht hat – normalerweise verhindert nämlich die Korruption jegliche Investitionsversuche. Will zum Beispiel jemand ein neues Einkaufszentrum in Bosnien bauen, so wird in aller Regel die Lokalpolitik die nötigen Bestechungsgelder einfordern. Investoren aus dem Ausland werden davon natürlich in aller Regel abgeschreckt. Manchmal entsteht das Einkaufszentrum dann aber einfach ein paar Ortschaften weiter – dort wo weniger Schmiergeld verlangt wurde. Obwohl es keinen Grund zur Annahme gibt, dass solche Geschäfte in Serbien anders laufen als in Bosnien, hat Kusturica sein Projekt durchgebracht.

An einem etwas verregneten Tag inspizieren wir das Dorf, das offiziell Küstendorf heißt (ja, auf Deutsch), was im ersten Moment als ein etwas absurder Name für einen Ort mitten in den Bergen erscheint, in Wirklichkeit aber nur „Kusturicas Dorf“ bedeuten soll. Wir fahren zwei Stunden mit der Eisenbahn, die sogar mit einem alten Ofen geheizt wird. Leider verstehen wir von der Bandansage, die durch die (modernen) Lautsprecher eingespielt wird, nicht sonderlich viel, da sie von dem Lärm der Lok übertönt wird. Eine kleine Geschichte will mein Schwager aber trotzdem ungefähr aufgeschnappt haben: Als die Bahnstrecke gebaut wurde, zahlte der Herrscher die Arbeiter an jedem Wochenende aus. Dann bestellte er eine Bauchtänzerin, die den Streckenarbeitern den Lohn wieder abluchste. In der nächsten Woche bezahlte der Fürst wieder mit demselben Geld. Eine frühe Form staatlich geförderter Prostitution.

Im Dorf selbst sehen wir uns einen Kurzfilm im Kino an, spenden ein paar Cent in der kleinen Kirche, trinken einen Tee und werden von einer jungen Katze regelrecht verfolgt. Selbst eine kleine Galerie gibt es, bewacht von der Skulptur eines in der Nase bohrenden Soldaten mit verrostetem Helm.

Zu guter Letzt dann tatsächlich der große Meister und alte Punker, der mit seinem VW-Caravan mit französischem Nummernschild angefahren kommt, als wir gerade zurück zum Parkplatz gehen. Unrasiert und ungekämmt setzt er seine Füße (die nur von Biolatschen bekleidet werden) auf den matschigen Boden seines Dorfes. Mein Schwager wird später auf der Rückfahrt über diesen Anblick sagen „Kusturica sieht aus wie ich beim Holzhacken“ – dennoch, er wird von einer Aura umstrahlt, der man sich nur schwer entziehen kann. Mit zitternden Knien, ins Teenager-Alter zurückversetzt, stehen wir an unserem Auto und träumen von einer Zeit, in der wir auch einmal bekannte Künstler werden, die das bodenständige Holzfäller-Flair nicht verloren haben…

Verloren im Tal der Pyramiden

In Die Kolumne on 2. September 2006 at 12:36

Auch in Europa gibt es Pyramiden. Das behauptete zumindest der bosnische Hobby-Archäologe Semir Osmanagić im Frühjahr 2006. Seither gräbt er sich, von der Fachwelt weitgehend unbeachtet, durch zwei Berge in Mittelbosnien. Ein Besuch an der Ausgrabungsstätte in der Kleinstadt Visoko.

Wer von Sarajevo aus in das 30 Kilometer entfernte Visoko reist, um nach Pyramiden zu suchen, wird sehr bald fündig werden. „Da ist ja eine!“, wird man rufen, dann „dort noch eine!“ und schließlich „wieder eine!“ Mit etwas Fantasie kann man ein gutes Dutzend pyramidenförmige Berge entdecken, noch bevor man am eigentlichen Ziel angekommen ist. Das liegt nicht nur daran, dass die Pyramidensuche schnell beim geneigten Hobby-Forscher die selbe mythische Sogwirkung entfaltet wie eine gut durchdachte Verschwörungstheorie. Tatsächlich ist die Pyramidenform typisch für die Gipfel in diesem Teil Bosniens. Semir Osmanagic, der Ausgrabungsleiter, wuchs in dieser Gegend auf, ging zum Arbeiten in die Vereinigten Staaten und untersuchte später Pyramiden in Lateinamerika. Wahrscheinlich waren es eben die Gesteinsformationen um Visoko, die ihn in seiner Kindheit faszinierten und prägten und zu dem machten, was er ist – ein getriebener Pyramidenforscher mit Tropenhut, für den Indiana Jones mehr ist als eine Filmfigur.

T-Shirts und Publikationen zeigen den bosnischen Indiana Jones – auch Sheriff genannt.

Unsere Expedition führt uns von der Adriaküste, an Sarajevo vorbei direkt ins „Tal der Pyramiden“. Nachdem wir auf der Anfahrt bereits so viele Pyramiden gesehen haben, sehen wir beim Einfahren in den Ortskern erst einmal nichts. Vor allem kein Hinweisschild. Aus Unwissenheit folgen wir dem Schild in Richtung Stadtzentrum, was sich allerdings als großer Fehler erweist. Es mag sein, dass Visoko im Mittelalter die Hauptstadt von Bosnien war, vom kapitalen Flair ist leider nicht viel übrig geblieben. Auch vom versprochenen Pyramidentourismus ist nichts zu spüren. Nachdem wir uns mit dem Wagen durch die enge und belebte Hauptstraße getastet haben, halten wir an einer Tankstelle an und fragen. Der Tankwart erklärt, dass wir auf der anderen Seite aus dem Ort rausfahren müssen, dann würden wir schon fündig werden. Am Ortsausgang sehen wir tatsächlich den ersten Souvenir-Stand und die dazugehörige Busladung voll Touristen und Feierabend-Archäologen. Dann ein Parkplatz, der zum „Restaurant Mondpyramide“ gehört. Wir halten freudig inne und dann an – um einen Kaffee zu trinken.

In dem frisch renovierten Etablissement, in dem selbst der Klospiegel in Pyramidenform gestaltet ist, strahlt uns ein Kellner mit schlecht erhaltenen Zähnen an. In Gedanken wünschen wir ihm, dass er viel Geld an den Touristen verdient – damit er sich sein Gebiss erneuern lassen kann. Ein wenig gelangweilt erklärt er uns, dass wir auf den Hügel gegenüber fahren sollten, „da laufen den ganzen Tag irgendwelche Bekloppten rum und schießen Fotos.“ Noch bevor wir weitere Fragen stellen können, ist er mit der Bestellung verschwunden. Als er mit den Getränken zurückkommt, wagen wir es noch einmal, ihn anzusprechen. Ob es dort auch Ausgrabungen zu sehen gibt und ob man, wenn das dort drüben die Mondpyramide sei, auf der Sonnenpyramide auch etwas besichtigen könnte. Ausgrabungen gibt es, sagt er, aber sonst weiß er von nichts. Auf der Straße taucht eine Pferdekutsche auf, die in die Richtung der vermeintlichen Mondpyramide einbiegt. Hinten sitzen zwei Touristen und vorne der Kutscher mit Sombrero. Anscheinend möchte man sich an südamerikanischen Vorbildern orientieren.

Wir zahlen und brechen auf. Unser Weg führt uns vorbei an den obligatorischen Müllhaufen am Wegesrand, über eine schmale Betonbrücke, vorbei an ein paar Häusern zu einem Tante-Emma-Laden, an dem wir scharf links in eine Gasse einbiegen müssen. Für einen kurzen Moment muss ich überlegen, ob unser Auto überhaupt schmal genug für dieses Manöver ist. Es passt. Danach sehen wir nur noch vereinzelt Bauernhöfe, Parkplatzschilder und jede Menge Heu. Wir parken auf einem der ausgezeichneten Plätze, entdecken aber niemand, den wir um Auskunft bitten könnten, ob das so richtig wäre mit dem Parken und wo es denn nun endlich was zu sehen gäbe. Also laufen wir auf gut Glück den Trampelpfad nach links den Berg hoch und entdecken wenig später tatsächlich eine Ansammlung von mindestens vier Souvenir-Ständen, einer Imbissbude und weiteren Parkplätzen, auf denen das Parken eine bosnische Mark kostet. Wir freuen uns, weil wir meinen, kostenlos geparkt zu haben.

Das Pyramidenmotiv zieht sich auch durch die anliegende Landwirtschaft.

Außerdem haben wir einige Meter oberhalb ein gelbes Absperrband erspäht, mit dem irgendetwas eingezäunt ist, was von unserer Position wie ein Loch im Berg aussieht. Und damit nicht genug – es ist mittlerweile 17 Uhr und über dem Hügel der vermeintlichen Mondpyramide erscheint der Mond, während auf über der gegenüberliegenden Sonnenpyramide die Sonne noch zu sehen ist. Ein ausgesprochen mystischer Anblick. Wir laufen weiter. Vorbei an T-Shirts, Kupferschalen und Miniatur-Holzpyramiden erreichen wir ihn dann zu guter Letzt – den Ort der Ausgrabungen.

Im Klartext gesprochen also eine gut zehn Meter lange Strecke, auf der Erde vom Berg abgetragen wurde. Alles was wir darunter sehen können wirkt auf uns wie ein mit Sandsteinen angelegter Trampelpfad. Ein junger Mann, der anscheinend für die Überwachung der Ausgrabungsstätte zuständig ist, erklärt uns, dass er uns auch nichts erklären kann. Bevor er uns etwas erläutern würde, könnten wir es uns auch selbst erläutern, da wir angeblich genau so viel wissen würden wie er.

Trotzdem lassen wir nicht locker, und er zeigt und erzählt schließlich von irgendeiner Symmetrie, die man in den Steinen erkennen könnte. Wenn wir mehr wissen wollen, sollten wir uns die Internet-Seite ansehen oder morgen noch mal wieder kommen, da käme der bosnische Indiana Jones persönlich und würde einen Vortrag halten. Allerdings nennt er Osmanagic nicht Indy, sondern liebevoll den „Sheriff“.

Vom Besuch der Sonnenpyramide rät er uns ab, „da gibt es nichts zu sehen.“ Also steigen wir weiter den Hügel der Mondpyramide hinauf, entdecken noch mehrere kleine Gruben und – selbstverständlich – einen weiteren Souvenir-Stand. Da in den Gruben nicht viel mehr zu sehen ist als ein bisschen Schlamm, und da unser Bedarf an Keramikpyramiden gedeckt ist, machen wir uns wieder an den Abstieg.

Ich beim Bezwingen der vermeintlichen Pyramide.


Am Parkplatz angekommen verlangt ein Bauer im Jogginganzug von uns zwei bosnische Mark Parkgebühr und verwickelt uns in ein Gespräch. Wir erzählen, dass wir zuerst gar nicht wussten, in welche Richtung wir laufen mussten. „Was?“, entgegnet er wild gestikulierend. „Aber ich hätte euch doch helfen können, wenn ich euch nur gesehen hätte, wo wart ihr denn, hattet ihr euch versteckt? Ich war doch nur kurz bei den Apfelbäumen…“ Wir überreichen das Geld mit dem guten Gewissen, den improvisierten Tourismus gefördert zu haben, steigen ins Auto und fahren beruhigt nach Hause – mit der Erkenntnis, dass das Einzige, von dem man auf dieser Pyramide mit Sicherheit sagen kann, dass es echt ist, die Touristen sind, und dass Parken immer dort am teuersten ist wo kein Preis angeschrieben ist.

Mein erster Tag in Belgrad

In Die Kolumne on 27. August 2006 at 1:28

[Wo fallen Eiswürfel vom Himmel wenn die NATO bombadiert und wo wird »Sex and the city« am städtischen Sandstrand zelebriert? In der weißen Stadt – Belgrad.]

Mein erster Aufenthalt in der serbischen Hauptstadt währt erst einmal nur kurz. Vorbei an einem Zwillingsturm-Hochhaus, das aufgrund seiner Architektur die „Tür nach Belgrad“ genannt wird, und dass spätestens seit dem Fall des Sozialismus nicht mehr renoviert wurde (wahrscheinlich aber noch länger), tauchen wir in den metropolen Berufsverkehr ein. Unglücklicherweise führt eine Bundesstraße direkt durch die Stadt hindurch, und deshalb müssen auch wir uns hier durchquälen, obwohl wir gar nicht als erstes in die Stadt wollen, sondern vorher noch einen Onkel mitsamt der dazugehörigen Tante und deren Tochter Olja und ihren Mann Ivan in einem kleinen Vorort am Rande des Molochs besuchen wollen.

Nach etwas Suchen finden wir tatsächlich zu dem Haus des Onkels und werden stürmisch begrüßt – auch wenn ich bereits nach dem ersten Glas Whiskey kapituliere. Nach ein, zwei oder auch drei Stunden Konverstation serviert uns die Tante ein Mittagessen, das mehr als reichlich ist, allerdings ohne Fett gebraten wurde, da gerade Fastenzeit ist in der keine tierischen Stoffe gegessen werden. Das Fehlen des Fettes stört zwar eigentlich niemanden, der Tante ist es aber doch so unangenehm, dass sie, als wir das Essen loben, erklärt, dass wenn das ein lobenswertes Essen gewesen sei, sie dann Elizabeth Taylor wäre.

Es folgen noch einmal ein oder zwei Stunden Konversation und ich habe immer noch nichts von Belgrad gesehen außer ein paar Asphaltschluchten im Morgengrauen. Endlich zeigen uns Ivan und Olja, die beide Künstler sind, ihr Atelier im Dachgeschoss des Hauses. Durch das große Fenster sieht man ganz links die ersten Ausläufer der Stadt und wenn man geradeaus sieht eine bezaubernde Hügellandschaft. Ivan weißt uns auf einen weißen Gebäudekomplex hin, der auf einem der Hügel ganz in der Nähe zu sehen ist. Bis zur Nato-Bombardierung 1999 wusste niemand der Anwohner, dass es sich um einen Armeestützpunkt handelt. Als dann die Bomben fielen war es leider nicht mehr zu übersehen. Die Landschaft die man durch das Fenster sieht, ist übrigens auch die selbe Landschaft, die Ivan einst porträtierte und danach Tee über das Gemälde schüttete. Das inspiriete seinen Vater, Milorad Pavic, dazu den Roman an dem er damals gerade arbeitete „Landschaft in Tee gemalt“ zu betiteln. Das besudelte Gemälde ziert nun auch das Titelbild des Buches (Milorad Pavic ist übrigens der bekannteste lebende serbische Schriftsteller, bereits einmal für den Nobelpreis nominiert und in etliche Sprachen, natürlich auch Deutsch, übersetzt).

Auch das Haus des Onkels hat einen Schaden bei den Bombardements abbekommen – durch einen herunterfallenden Eisblock. Ganz genau verstanden habe ich allerdings nicht warum die Nato mit Eisblöcken schmeißt. Um kleinere Schäden an zivilen Einrichtungen zu verursachen und dadurch die Moral der Bevölkerung zu untergraben?

Am fortgeschrittenen Nachmittag fahren wir dann doch noch in die Stadt, zusammen mit dem gesamten Familien-Clan. Leider kann die Tante aufgrund ihrer dreiundsiebzig Jahre nicht mehr allzu viel laufen, deshalb fahren wir an den Stadtstrand um diesen mit einem Touristenzug zu umrunden. Der Stadtstrand in Belgrad ist ein großer See, der aber kein stehendes Gewässer ist, sondern vielmehr durch den Fluss „Save“ (die ja in Belgrad in die Donau fließt) entsteht. Wie genau das vor sich geht habe ich leider auch nicht verstanden.
So steigen wir in den Zug ein (dessen Lokomotive eigentlich einmal ein Traktor war) und beginnen die Runde um den See. Der Lokführer/Traktorfahrer ist ein sympathischer Biertrinker im Rentenalter. Die Fahrt führt zuerst vorbei an Tennisplätzen und Basketballplätzen die Jedermann kostenlos nutzen kann. Dass sei das „große serbische Herz“ wie man uns versichert. Danach geht es vorbei an mehreren Dutzend Strandcafes, und erst jetzt wird uns klar, dass es hier tatsächlich mehrere Kilometer Sandstrand zur freien Verfügung gibt. Auf die etlichen Cafes und Bars werde ich nicht im Detail eingehen, nur zwei möchte ich aus der großen Auswahl hervorheben: eine McDonalds-Filiale in einer kleinen Waldhütte, die so auch im Yellowstone Nationalpark stehen könnte und eine Bar mit dem Namen „Sex i Grad“ in deren Mitte zwei Himmelbetten stehen, umringt von den normalen Stühlen. „Sex i Grad“ heißt übrigens „Sex und Stadt“ oder auch „Sex and the city“.
Die Sonne neigt sich langsam und färbt die Menschen und die Stadt in ein goldgelbes Licht, während wir unsere Traktorrunde vollenden, aussteigen und zurück zum Parkplatz laufen, auf dem das Parken auf unbegrenzte Zeit 60 Dinare (75 Cent) kostet. Später am Abend werden wir noch eine Runde durch die Innenstadt laufen (ohne die Familie) und uns wundern, dass in Belgrad rund um die Uhr wahre Menschenmassen unterwegs sind (mit Sicherheit mehr als in deutschen Großstädten) – aber dass ist eben einfach so.

Irgendwann doch noch Bergfest?

In Die Kolumne on 14. April 2006 at 1:54

Erreiche in ein paar Seiten die Mitte meines Manuskriptes, oder vielleicht ja auch die Bergspitze!? Dementsprechend wundert es mich auch nicht, dass meine Inspiration in den letzten zwei Tagen ziemlich aus der Puste war.

An manchen Weggabelungen bin ich sogar rückwärts gegangen, habe Kleinigkeiten eingefügt, zum Beispiel die Audiokassette mit den schönsten Liedern von Caruso die der Killer Gaetano im Auto anhört. Er hat sich ja vorher auch schon für Umweltschutz eingesetzt und Interesse an historischen Bauten gezeigt – natürlich konnte er auch vor Caruso nicht halt machen. Schließlich hat er die Kassette mit 15 Jahren auf einen Flohmarkt in Neapel gekauft, mit ein paar Lire, die er in der Schule beim Kartenspielen gewonnen hat (gut, ich gebe zu – so genau habe ich die Geschichte der Kassette dann doch nicht erklärt im Manuskript, das ist einfach nur die Back-Story die ich brauche um das Innere der MC besser zu verstehen ;o) ).

Aber damit für heute genug von der Story ausgeplaudert. Werde jetzt mal die Pause beenden, aufbrechen, weiterlaufen – vielleicht erreiche ich den Gipfel ja doch noch irgendwann…

Ein Tag im Leben eines Filmautors

In Die Kolumne on 6. April 2006 at 6:24

Viele Menschen fragen sich wahrscheinlich wie der Alltag eines Filmautors aussieht und natürlich auch: »Was ist denn überhaupt ein Filmautor?« Zu recht.
Zumindest auf die erste Frage gibt es hier nun eine Antwort:

00.01 Uhr Habe mich ins Bett gelegt, da ich weiß, dass ich bereits um 8.00 Uhr wieder aufstehen muss. Heute findet schließlich die große Jubiläumsfeier der Individualhilfe Heidelberg statt, bei der mein Dokumentarfilm »Der Grenzübergang« uraufgeführt wird. Leider habe ich die letzten fünf Nächte in Folge nachts kaum schlafen können – bin mir aber sicher, dass ich es jetzt schaffe einzuschlafen, wenn ich mir nur genug Mühe gebe.
01.00 Uhr Kann nicht einschlafen, ziehe deshalb aus dem Bett um – auf die Couch – weil ich auf Sofas in der Regel besser schlafen kann.
02.00 Uhr Werde immer wacher von dem ewigen rumliegen, mittlerweile kann ich noch nicht mal mehr meine Augen geschlossen halten. Stehe deshalb auf um an meinem Roman weiterzuschreiben.
05.00 Uhr Irgendwie klappt es jetzt doch mit dem Schlafen.
08.00 Uhr Wecker klingelt! Die Welt kann so grausam sein.
09.15 Uhr Ankunft in Heidelberg, Technik für Filmvorführung vorbereiten.
11.00 Uhr Die Jubiläumsfeier nimmt ihren Lauf.
13.30 Uhr Tossender Applaus für den Film. Verstehe nicht wieso – wahrscheinlich habe ich den Film im Schnittraum aber einfach zu oft gesehen, um noch bewerten zu können ob er gut oder schlecht oder gar langweilig ist. Das Publikum ist jedenfalls begeistert, na dann…
15.00 Uhr Endlich schlafen legen!
17.00 Uhr E-Mails beantworten.
18.00 Uhr Wann habe ich eigentlich das letzte Mal geduscht? Da mir keine passende Antwort einfällt, sofort in die Badewanne legen!
19.00 Uhr Noch schnell vor Ladenschluss zum Supermarkt um Rotwein zu kaufen – vielleicht lässt sich damit die Inspiration zum Schreiben zu steigern.
20.00 Uhr Zurückziehen mit Spex Heft-CD und Spex DVD und von einer Welt träumen, in der Künstler von ihrer Kunst leben können.
23.00 Uhr Endlich am Computer zum Schreiben. Stelle fest, dass ich in den letzten Tagen mit dem Roman besser vorangekommen bin als ich dachte. Zur Belohnung gönne ich mir erst einmal einen Blog-Eintrag.

Vergiß es bloss nicht wieder…

In Die Kolumne on 29. März 2006 at 5:32

Nun, wie sich mittlerweile rumgesprochen haben wird, arbeite ich momentan an meinem Debütroman. Und auch wenn die Vorlage für die Geschichte schon existiert (der Film „Caffè della Vita“) bleibt das umbauen zur geschriebenen Form, leider immer noch das was Schreiben eben ist: Arbeit!

Heute war dann wieder einmal einer dieser Tage, den alle Schreibenden nur zu gut kennen. Drei Stunden lang im Kreis durch die Wohnung, nur um nicht mit dem Tippen anfangen zu müssen. Ich wollte es gerade komplett aufgeben und stattdessen einen langweiligen Film gucken oder über die Bedeutung der Blattlaus in der regionalen Vegetation philosophieren, als mir folgender Text von Adrian Plass in den Sinn kam, den ich vor ein paar Tagen gelesen hatte:

„Ein Problem, das besonders mit der regelmäßigen Produktion von Büchern und mit mir persönlich zu tun hat, ist die Tatsache, daß mein Selbstvertrauen meistens zwischen dem Abschluß eines Buches und dem Beginn des nächsten eine dramatische Talfahrt vollführt. Es hat Momente gegeben, in denen ich schlichtweg nicht begreifen konnte, wie es mir je gelingen konnte, irgend etwas zu schreiben. In solchen Momenten scheint es mir, als müsse jemand anderes all die Bücher geschrieben haben, die neben mir auf dem Regal stehen. Überzeugt, daß es mit meiner Laufbahn vorbei ist, sitze ich trübsinnig vor meinem Computerbildschirm und überlege, was sie auf dem Arbeitsamt wohl gerade so anzubieten haben. Nur um der alten Zeiten willen tippe ich träge ein paar Worte ein. Diese führen zu ein paar weiteren Worten. Diese weiteren Worte haben etwas an sich, das mich fast gegen meinen Willen interessiert. Ich beuge mich vor, meine Finger schweben erwartungsvoll über der Tastatur, die Vision des Arbeitsamtes verschwindet in der Ferne. Ich beginne zu tippen. Ich schreibe wieder.“

Schließlich entschloss ich mich wenigstens einen Satz zu schreiben. Nur einen Satz – der würde zumindest mein Gewissen etwas beruhigen. Aus einem Satz wurden auf einmal eine Menge Sätze, Seiten, sogar ein komplettes Kapitel – und am Ende des Tages die Realisation, dass ich wieder einmal (so wie auch die Tage zuvor) gut vorangekommen bin. Hoffe vergesse ich das bis Morgen Vormittag nicht wieder…

[Textzitat aus "Adrians Briefe von der Insel - Teil 1" erschienen am 26.01.1998 in "dran"]

Identitätsfindung interaktiver Künstlerpersönlichkeiten

In Die Kolumne on 26. März 2006 at 8:02

Lieber Blogleser,

endlich ist es soweit! Nach ca. sechs Jahren „littlejeremy.de“ ziehe ich nun endlich um – auf eine Domain die meinen eigenen eigentlichen Namen trägt: danielmorawek.de

Das hat, wie alles auf der Welt, seine Gründe. Unter anderem hatte ich es einfach satt über schlechte Handyverbindung die Webadresse zu buchstabieren.
„Little? So wie englisch klein?“ „Yup.“ „Aha. Und was soll das jetzt bedeuten, Little Jeremy?“
Nun, um diese Frage ein für alle Mal zu beantworten: Little Jeremy Productions war der Fantasieproduktionsfirmenname (langes Wort!) den ich in meinen ersten beiden Filmen, „Los Delinquentes“ und „Der Pfad des Drachen“, als Produzent angegeben hatte. Aus dieser Zeit also der Domainname, der mittlerweile schon lange keine Bedeutung mehr hatte.

Warum ich früher noch nicht auf die Idee gekommen bin mir danielmorawek.de zu reservieren? Interessante Frage. Wahrscheinlich hängt es mit dem Selbstfindungsprozess zusammen, den man als Künstlerpersönlichkeit früher oder später zu bewältigen hat. Sich hinter irgendwelchen Fantasiekonstrukten zu verstecken ist eben manchmal leichter…

danielmorawek.de

Das Ende einer Legende

In Die Kolumne on 15. Dezember 2005 at 5:02

[Über das offizielle "Abmelden" einer unbekannten Kultband.]

Ich öffne den Briefkasten. Zwischen die Werbebriefe hat sich tatsächlich ein normaler Brief gequetscht. Wow! Von wem kann der nur sein?
Denic? Das ist doch die Stelle die .de-Domains verwaltet, was wollen die bloß von mir?

„Sehr geehrte Damen und Herren,

…bla bla bla… Sie sind als Domaininhabervon einer oder mehreren .de-Domain(s) eingetragen, welche sich derzeit im sogenannten ‘TRANSIT-Zustand’ befindet/befinden.“

Man wird verstehen, dass ich an dieser Stelle etwas verwirrt war.

“ [...] Maximal 4 betroffene Domains sind im folgenden aufgeführt.

geist-erfahrer.de“

Aha. Hatte ich schon fast vergessen, dass wir vor ein paar Jahren für unsere Band „GEIST-ERFAHRER“ eine Webpage bei einem kostenlosen Anbieter angelegt hatten. Jetzt erst hat der Anbieter seine Adressen aufgeben, was bedeutet das unsere Webpage tatsächlich bis Dezember 2005 online war, obwohl wir seit Sommer 2001 nicht mehr zusammengespielt haben! Aufgelöst haben wir uns übrigens auch nie offiziell. Man kann ja auch immer so schön darüber smalltalken wenn man die Jungs mal wieder trifft (eher selten), dass man bestimmt irgendwann mal wieder zusammen proben würde – demnächst. Klarer Fall…
Heute, mit dem Brief von der Denic in der Hand, komme ich leider mit keinem SmallTalk durch – die wollen nämlich ca. 58€ von mir wenn ich die Seite nicht innerhalb von vier Wochen abmelde! Ich fürchte ich muss handeln.

So stehe ich nun also hier, etwas sentimental, und lasse mir die lustigen Jahre mit den GEIST-ERFAHRERN noch mal durch den Kopf gehen, trinke ein Glas Rotwein…

[Some kind of punk - Ein offizieller Nachruf]

Nun, wir waren schon immer etwas unangepasst, und das war schön – auch wenn es uns davon abhielt beachtet zu werden. Mitte und Ende der Neunziger war es aber auch nicht sonderlich einfach in christlichen Kreisen – besser gesagt in christlichen Jugendkreisen – Musik zu machen, denn genau in einem solchem haben wir uns kennengelernt. Grundsätzlich wird „christliche Musik“ leider immer in die lustigsten Kategorien eingestufft, z.B. „Lobpreis-Musik“, also die Musik die man im Gottesdienst singt um Gott zu preisen und die „Christian Contemporary Music“ (welch bezaubernder Anglizismus), das ist also die zeitgemäße Musik mit der man Leute missionieren sollte – so zumindest die Überzeugung vieler Christen. Die Möglichkeit einfach ein Mensch zu sein der Musik macht, und darüberhinaus auch noch Christ, existierte irgendwie nicht. Und wenn man dann einfach Mensch ist der Musik macht und darüber hinaus auch noch Christ, dann singt man eben auch von den Sachen die einem wichtigen sind. In unserem Fall also fast ausschließlich (wenn auch nonkonforme) Lobpreistexte. Also hätten eigentlich alle mit uns glücklich sein müssen. Das war natürlich nicht der Fall, schließlich haben wir auch nie im Gottesdienst gespielt, und haben manchmal auch über weltliche Dinge gesungen, die uns gerade beschäftigten. Es gab also keine Schublade für uns. Die erste echte christliche Punkband (Punk im Sinne von Gegenkultur) war geboren?!

Eine unserer ersten Entscheidungen, die wir kurz nach der Wahl unseres Bandnamen trafen (das war übrigens bei einer Autofahrt), war das wir uns vornahmen eine Punk-Version des Kinderstundenkalssikers „Sei ein lebendiger Fisch“ einzuspielen. Das war ca. 1997. Wir waren also als Band auch nicht immer die schnellsten, und so haben es SNUBNOSE geschafft uns 1999 eine Nasenlänge vorraus zu sein (für die, die es nicht wissen: nach dem „Second Hand“ Album von SNUBNOSE war das Lied in vielen Gemeinden das EINZIGE deutschsprachige Lied das bei Jugendgottesdiensten überhaupt gesungen wurde!). Ein anderes Lied das wir Covern wollten (diesmal haben wir es wenigstens einmal geschafft es im Proberaum aufzunehmen) war „Anarchy in the UK“, das wir zu „Godarchy in Germany“ umgeschrieben hatten, diesmal war Christcore schneller.

Musikalisch hatten wir vielleicht gar nicht wenig Potential, ich zumindest fand die Mischung von Punk-Hardcore-Anhängern (Hannes und ich) und Leuten die musikalisch bei Woodstock hängengeblieben waren (Ole und Christof) sehr befruchtend. Leider hatten wir nie sonderlich viel Erfolg mit unseren Demoaufnahmen in unseren häufig wechselnden Proberäumen, um diesen Nachruf zu vervollständigen habe ich dennoch einige mp3’s von Liveaufnahmen, Demoaufnahmen und Proberaumaufnahmen (so ähnlich wie bei einem Tocotronic Best-Of-Album) zusammengestellt.

Wo wir wohl gelandet wären, hätten wir ernsthaft weiter Musik gemacht? Das weiß keiner so genau… nur wo wir stattdessen gelandet sind kann man sagen ;

Ich klicke auf der Denic-Seite auf bestätigen, und trinke den Wein aus…